Andachten

Andacht

Andacht 26. Dezember 2022

26. Dezember 2022 | Dennis Meier

Andacht 26. Dezember 2022

Bildnachweis: Gerd Schmid

Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut. - Jesaja 53,3 / Heute vor 279 Jahren wurde in Dublin Händels Meisterwerk, der Messias, als Benefizkonzert aufgeführt. Händel bestand darauf, dass die Altstimme mit Frau Cibber besetzt wurde. Nur, die gute Frau war wegen einer pikanten Sache mit ihrem Untermieter gerade in allen Schlagzeilen. So kann man sich gut vorstellen, wie die frommen, biederen Dubliner schauten, als diese nun den heutigen Bibeltext sang. Da steht die überführte Ehebrecherin plötzlich in der Mitte. Ähnlich wie in der Begebenheit mit Jesus und der Ehebrecherin. In Dublin wurde wenigstens noch schön gesungen … In beiden Begebenheiten sehen wir nur die Außenperspektive. Wenn Jesus jedoch die Umstehenden aufforderte, sich erst einmal selbst nach Sünde zu befragen, bevor sie urteilten (Steine warfen), lud er sie zu einer Innenperspektive ein. Wie hätte die Innenperspektive der herbeigeschleiften Frau ausgesehen? Welche Geschichte hätte sie erzählt, wenn jemand sie als Angeklagte hätte reden lassen? Von wem und warum war sie beobachtet worden? Wo war der Kerl dazu? Warum gab es, wo schon Mose zitiert wird, keine Befolgung der Prozessregeln (der geschädigte Mann hätte klagen müssen)? Alles in allem überwiegt der Eindruck, dass es gar nicht um sie ging. Sie wurde nur benutzt. Ähnlich Frau Cibber, 1742. Die Zeitungen wussten, dass sie fremdgegangen war, aber sie wussten nichts vom spielsüchtigen Mann, der sie gezwungen hatte, sich an den Untermieter zu verkaufen. Oder von den sauberen Nachbarn, die als Zeugen auftraten, weil sie durch ein Loch in der dünnen Wand das pikante Geschehen live (!) mitverfolgt hatten. In beiden Fällen gerieten die Frauen in die Machtmühle verlogener Öffentlichkeit, religiöser Rechtschaffenheit und oberflächlicher Aburteilung. Wir wiederholen diese Verlogenheit, wenn wir das „Sündige hinfort nicht mehr“ am Ende größer machen als das „Geh“. Dieses „Geh“ meint das aufrechte Gehen unter einem neuen Vorzeichen, einem neuen Herrn. Man erkennt das daran, dass die Angeklagte in dem ganzen Bericht nur zwei Worte sagte: „Niemand, Herr.“ Nicht ein „Herr“ wie in „Herr Meier“, sondern als Gottesbezeichnung (kyrios), weil sie zu Recht in Jesus ihren Retter erkannt hat, der Verachtung, Schmerz und Leid ertrug und um ihretwillen – unseretwillen – überwand.

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