Andachten

Andacht

Andacht 14. Oktober 2022

14. Oktober 2022 | Heidemarie Klingeberg

Andacht 14. Oktober 2022

Bildnachweis: Gerd Schmid

HERR, lass mich erkennen, wie kurz mein Leben ist und dass meine Tage gezählt sind; wie vergänglich bin ich doch! Wie begrenzt ist das Leben, das du mir gabst! Ein Nichts ist es in deinen Augen! - Psalm 39,5–6 / Mein Therapeut ist tot. Völlig überraschend und sehr schnell ist es passiert. Ich bin erst mal geschockt, dann sehr traurig. Ein wunderbarer Coach, der mich so viele Jahre begleitet, ermutigt und aufgebaut hat, ist nicht mehr da. Ohne ihn hätte ich wichtige Lebensentscheidungen nicht gewagt. Für meine seelsorgerlichen Aufgaben habe ich unglaublich viel von ihm gelernt. Sein Rat wird mir fehlen. Ich habe das Gefühl, meine Traurigkeit braucht irgendeinen Ansatzpunkt, eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Im Internet erfahre ich den Todestag und das Datum der Trauerfeier. Dort finde ich auch ein digitales Kondolenzbuch. Über 600 Mal haben vor allem Patienten diese Website besucht und zahlreiche „digitale Trauerkerzen angezündet“. Mit einer solchen Kerze kann man seine Empfindungen ausdrücken, Danke sagen, Anteilnahme aussprechen. Auch ich zünde eine digitale Kerze an. Das entlastet ein wenig. Es gibt keine Systematik der Trauer. Jeder verarbeitet Verlusterlebnisse auf seine Weise. Dennoch ist es für viele Trauernde hilfreich, sich ausdrücken zu können oder zu erleben, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein dastehen. „So viele Jahre hat er mich begleitet, mir Mut gemacht, mich aufgefangen“, schreibt eine Petra. Eine Connie: „Du warst ein super Zuhörer, Ratgeber und Freund. Ich habe mir immer wieder vorgenommen, dich einmal zu besuchen, jetzt ist es leider zu spät und es tut mir sehr leid.“ Wie oft erleben wir, dass es zu spät ist, dass wir zu lange gewartet, einen Anruf oder Besuch zu lange aufgeschoben haben? Die Vergänglichkeit unseres Daseins wird uns oft erst dann bewusst, wenn wir einen Menschen verlieren. Auf eindrucksvolle Weise bringt Psalm 39 die Zerbrechlichkeit unseres Daseins zum Ausdruck. Wie vergänglich bin ich doch, wie begrenzt ist mein Leben! Und doch vermittelt der Psalmist in Vers 8 einen Lichtblick: „Herr, du allein bist meine Hoffnung!“ (Hfa) Gott ist immer größer als unsere Vergänglichkeit und stärker als unsere Trauer. Er richtet uns auf, tröstet, hält uns fest. Er schenkt neue Kraft und neuen Mut – er ist der allerbeste Therapeut, den wir uns wünschen können.

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