Andachten

Andacht

Andacht 08. Juni 2022

08. Juni 2022 | Andre Zander

Andacht 08. Juni 2022

Bildnachweis: Gerd Schmid

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. - 2. Timotheus 1,7 / Ist der „Geist der Furcht“ 2000 Jahre nach Paulus’ Ansage überhaupt noch aktuell? Hat inzwischen nicht jeder Nachfolger Christi verinnerlicht, dass wir Gott nicht mit Angst, sondern aufgerichtet und befreit begegnen können? Meiner Erfahrung nach gibt es immer wieder Christen, die von großer Furcht getrieben sind – und damit meine ich nicht Ehrfurcht, sondern wirklich Angst. Dies zeigt sich zum Beispiel in überzogenem und verbissenem Streben nach Gehorsam. Das zu sehen tut mir weh, weil es keineswegs Gottes Wille für uns ist. Noch viel mehr nehme ich wahr, dass Christen ihren „Geist der Kraft“ präsentieren. Immer Stärke zeigen und den „guten Kampf“ kämpfen. Auf den ersten Blick bewundere ich Menschen, die zum Beispiel großen Missionseifer zeigen, aber als Dauerzustand kann solche Anspannung wohl kaum gesund sein. Meine Überlegungen zu diesem Text führen mich tatsächlich in eine ganz andere Richtung: Ich verstehe Kraft, Liebe und Besonnenheit hier als gemeinsam auftretendes Trio oder bildlich gesprochen als Pflöcke eines dreieckigen Feldes, innerhalb dessen sich mein Leben abspielt. Schön, wenn ich genau in der Mitte dieses Dreiecks stehe – in der gleichen Entfernung zu jeder dieser Eigenschaften. Manchmal ist eine Annäherung an die Kraft notwendig, aber viel öfter ist es die Annäherung an die Liebe oder an die Besonnenheit. Ja, wir dürfen uns in diesem Dreieck je nach Situation hin- und herbewegen, wir müssen uns nicht an einem dieser Pfosten festkrallen. Ich sehe diese Bewegungsfreiheit als Geschenk – ich muss nicht immer nur stark sein und kämpfen, ich darf auch die Nähe zu meinen Mitmenschen genießen (Liebe) oder mich zurücknehmen und schweigen (Besonnenheit). Und noch ein anderer Gedanke wird mir wichtig: Wenn Paulus über Kraft redet, denkt er an etwas ganz anderes, als wir uns gemeinhin vorstellen, nämlich nicht an seine Stärke, sondern seine Schwäche, mit der er auch noch hadert. Das klingt zunächst paradox, wird dann aber in einer der schönsten Zusicherungen aufgelöst, die Gott uns gegeben hat: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ (2 Kor 12,9) Gott ist es, der uns stark, liebevoll und besonnen sein lässt. Hab Dank dafür, Herr!

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