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Andacht 25. Mai 2022

25. Mai 2022 | Martin G. Klingbeil

Andacht 25. Mai 2022

Ifen

Bildnachweis: Gerd Schmid

Wer hat dir erzählt, dass du nackt bist? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, du solltest nicht davon essen? - 1. Mose 3,11 / Es ist ein ganz normaler Morgen und du machst dich fertig, um ins Büro zu fahren. Du erreichst den Parkplatz in dem Augenblick, in dem viele andere Mitarbeiter eintreffen. Der Kollege, der neben dir geparkt hat, schaut leicht erstaunt und fängt an zu grinsen. Hinter dir siehst du plötzlich eine ganze Gruppe von Menschen, die sich vor Lachen nicht mehr halten können. Dann schaust du an dir herunter und merkst, wie du halbnackt vor ihnen stehst. Oben Hemd oder Bluse und unten – na ja ... In dem Augenblick wachst du schweißgebadet auf. Sigmund Freud nannte diesen Traum den „Verlegenheitstraum der Nacktheit“ und er steht ganz oben auf einer Liste von typischen Träumen, „die fast jedermann in derselben Weise geträumt hat“ (Sigmund Freud, Die Traumdeutung, S. 181–182). Es dreht sich fast immer um eine peinliche und beschämende Situation, die der Mensch ohne Erfolg zu verhindern sucht. Hiermit lasse ich die Welt der Psychoanalyse zurück, in der ich wahrscheinlich nicht mal als Hobbypsychologe viel taugen würde. Scham und Nacktheit sind allerdings schon seit dem dritten Kapitel der Bibel eng miteinander verknüpft. Die Frage Gottes, wer Adam und Eva gesagt hätte, dass sie nackt wären (V. 11), bleibt im Raum stehen und die nächste Frage nach dem Essen der verbotenen Frucht wird mit Schuldzuweisungen beantwortet (V. 12). Ist die unbeantwortete Wahrnehmung der Nacktheit und der damit verbundenen Scham vielleicht seit dem Sündenfall zutiefst in der menschlichen Seele verankert, sodass sie sich in diesem typischen Traum immer wieder Luft zu verschaffen versucht? Ist das die menschliche Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, in dem Scham, Schuld und Schande unbekannt waren? In der Antwort auf diese Fragen versucht der Mensch seine Scham im wortwörtlichen Sinne selbst zu bedecken – mit Feigenblättern (V. 7), die aber vertrocknen und letztendlich abfallen werden. Gott hingegen tötet das erste Opferlamm und bekleidet seine Geschöpfe sowohl ganz praktisch (V. 21) als auch im übertragenen Sinne mit den „Kleidern des Heils“ (Jes 61,10). Bei ihm finden wir Schutz und Geborgenheit, weil er uns liebt.

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