Andachten

Andacht

Andacht 13. April 2022

13. April 2022 | Klaus Kästner

Andacht 13. April 2022

Bildnachweis: zettberlin / photocase.de

Du sagst: „Ich bin reich und habe alles im Überfluss, es fehlt mir an nichts“, und dabei merkst du nicht, in was für einem jämmerlichen und erbärmlichen Zustand du bist – arm, blind und nackt. - Offenbarung 3,17 / Stefan Zweig erzählt in seiner Novelle Die unsichtbare Sammlung eine erschütternde Episode aus der Zeit der Inflation in den 1920er-Jahren. Ein Kunsthändler aus Berlin entdeckt bei der Durchsicht alter Unterlagen ein ganzes Bündel Briefe. Die Korrespondenz reicht fast 60 Jahre zurück und stammt von dem wahrscheinlich ältesten Kunden, der schon beim Vater und Großvater gekauft hat. Der Händler stellt fest, dass sich dieser Mann im Lauf der Jahre eine enorm wertvolle Sammlung von Kupferstichen aufgebaut hat. Er besucht den betagten Sammler in seiner kleinen Heimatstadt in Sachsen. Der Alte ist überglücklich, dass ihn in seiner Einsamkeit ein Kunstkenner besucht, dem er seine Schätze zeigen kann. Die Besichtigung wird jedoch zu einer gespenstischen Angelegenheit: Sie sind gar nicht mehr vorhanden! Die Mappen sind leer, wertloses Papier liegt darin. Davon weiß der schon lange erblindete Mann aber nichts. Die wirtschaftliche Not hatte Frau und Tochter dazu getrieben, ein Blatt nach dem anderen zu verkaufen. Das musste heimlich geschehen, denn der leidenschaftliche Sammler hätte es nie zugelassen. Die Tochter bittet den Kunsthändler flehentlich, ihrem Vater seine Illusion nicht zu rauben. Der Mann aus Berlin hat Mitleid mit dieser verarmten Familie und erlebt so eine Bilderschau, die nur im Kopf des Blinden stattfindet. Der ist mit seiner Sammlung so vertraut, dass er jedes grafische Blatt mit allen Details erklären und „zeigen“ kann. Dabei blickt der Gast immer nur auf leeres Papier! Meisterhaft schildert Zweig die tragische Illusion eines alten Mannes, der als Opfer der Inflation seine Kostbarkeiten verloren hat. Unser Bibeltext spricht von einer viel schlimmeren Illusion, die Millionen betrifft. Da geht es um die Frage, wie Gott uns sieht. Unsere Selbstwahrnehmung und Gottes Urteil klaffen weit auseinander. In den Augen unseres Schöpfers löst sich alle menschliche Herrlichkeit und Großspurigkeit wie Nebel auf. Hinsichtlich der wahren Werte im Leben sind wir Habenichtse, die mit leeren Händen dastehen. Wer das aber erkennt und bekennt, dem kann geholfen werden, denn der ist bereit für die schenkende Gnade des Erlösers. Gott sei Dank.

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