Andachten

Andacht

Andacht 12. April 2022

12. April 2022 | Jessica Schultka

Andacht 12. April 2022

Bildnachweis: Gerd Schmid

Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr erweisen? Ist’s denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die Verheißung für immer ein Ende? Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, hat er sein Erbarmen im Zorn verschlossen? - Psalm 77,8–10 / Als BRD-Kind der 80er-Jahre bin ich behütet und in Frieden aufgewachsen. Ohne Krieg oder Hunger vor der Haustür, in Demokratie und Frieden lebend, mit Meinungsfreiheit, guter Versorgung … es gab keinen Mangel. Der Kalte Krieg, das explodierte Atomkraftwerk in Tschernobyl – um die Dramatik dieser Ereignisse zu verstehen, war ich noch zu klein. Umso mehr erschütterte mich die Coronakrise im vergangenen Jahr. Nicht, weil wir Einschränkungen in Kauf nehmen mussten oder weil es Engpässe bei Nudeln, Toilettenpapier und Hefe gab, sondern weil mir bewusst wurde, wie fragil unser Lebensstil ist. Es war eine Erschütterung unserer Grundfeste, auf die ich bisher blind vertraut hatte. Auch wenn unser System weiterhin gut funktioniert hat, wurde mir deutlich vor Augen geführt: Alles ist vergänglich, zerbrechlich. Vielleicht ging es dem Psalmisten ähnlich. Da gibt es plötzlich dieses eine Ereignis, das ihn komplett aus der Bahn wirft und durch das auch das Vertrauen in Gott ins Wanken gerät. Im heutigen Bibeltext lesen wir, wie der Psalmschreiber seiner Angst, seiner Enttäuschung, seinem Gefühl von Verlassenheit Ausdruck verleiht. Ich finde es mutig, welche Fragen er formuliert: Hat Gott vergessen gnädig zu sein? Ist es ganz und gar aus mit seiner Güte? Es ist ein Ausdruck seiner Zweifel und gleichzeitig seines tiefen Vertrauens, denn ansonsten würde er sich nicht mehr an ihn wenden. Mir zeigt es heute, dass wir unsere Fragen, Ängste und Enttäuschung aussprechen dürfen. Ja, auch das Gefühl von Verlassenheit, die Frage, ob Gott noch gnädig ist, haben ihre Berechtigung. All dies steht in der Bibel! Und wir können uns in diese Fragen einreihen, wenn wir den Psalm beten. Dass der Psalm nicht im Klagen endet, ermutigt mich besonders. Der Psalmschreiber Asaf erinnert sich an die vergangenen Erfahrungen mit Gott, die so stark in die schweren Zeiten hineinleuchten, dass die Seite des Vertrauens überwiegt: „Darum gedenke ich an die Taten des HERRN, ja, ich gedenke an deine früheren Wunder und sinne über alle deine Werke und denke deinen Taten nach.“ (V. 12–13)

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