Andachten

Andacht

Andacht 20.03.2021

20. März 2021 | Werner Jelinek

Andacht 20.03.2021

Bildnachweis: view7 / photocase.de

„Wir haben geträumt“, antworteten sie, „und hier im Gefängnis haben wir keinen Traumdeuter, der uns sagen kann, was es bedeutet.“ Josef sagte: „Träume zu deuten ist Gottes Sache. Erzählt mir doch einmal, was ihr geträumt habt!“ - 1. Mose 40,8 / Gut zu wissen, was Gottes Sache ist. Befreiend, wenn es zur Gewissheit wird: Gott nimmt sich seiner (meiner) Sache an. Entlastend auch die Erkenntnis: Es gibt Angelegenheiten, die muss ich nicht allein bewältigen. Das würde meine Möglichkeiten übersteigen. Gott kümmert sich. Gefährlich aber, wenn diese Erkenntnis zu der Haltung führen sollte: Gott wird sich bemühen, so muss es mich nicht berühren. Josefs Verhalten ist hier vorbildlich. Er weiß, nur Gott kann wirkliche Antworten geben. Das verführt ihn aber nicht dazu, sich aus allem rauszuhalten. Josef will wirklich verstehen, was seine Zellen-genossen bewegt: „Erzählt mir doch einmal, was ihr geträumt habt.“ (1 Mo 40,8 GNB) Gleichzeitig nimmt er den Wunschtraum des einen und den Alptraum des anderen ernst. Das ist erstaunlich, denn gerade ist sein eigener Lebenstraum zerplatzt. Seine Notlage lässt ihn aber nicht zynisch reagieren, sondern macht ihn feinfühlig. Wäre ich wie Josef bereit, zuzuhören? Kann ich trotz eigener Lasten die der anderen mittragen, kann ich mitschweigen, Hoffnung teilen, das Tragische aushalten, einfach nur da sein? Oder finde ich mich in der Rolle der Mitgefangenen wieder? Manchmal sind zwei Seelen in meiner Brust, widerstreitende Gefühle in meiner „Seelenzelle“: Wunschtraum und Alptraum. Ich habe Wünsche für mich und meine Lieben, für die Kirche und die Welt. Ich bin naiv optimistisch, wie Oscar Wilde einst formulierte: „Am Ende wird es gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“ Gleichzeitig treiben mich Ängste um, wenn ich an mich und meine Lieben denke, an die Kirche und die Welt. Gründe, zu verzagen, finden sich an jeder Ecke. Gibt es jemanden, der diese Alpträume nicht vorschnell wegwischt, als wären diese Bedrohungen nur eingebildet? Jesus redete Ängste nicht einfach weg. Das spricht mich an. Außerdem war es immer hilfreich, wenn ich Menschen begegnete, die wirklich zuhören konnten. Ich möchte auch gern solch ein Mensch sein.

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