Andachten

Andacht

Andacht 30.10.2020

30. Oktober 2020 | Lothar Reiche

Andacht 30.10.2020

Bildnachweis: Monika Breiholz

Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. - Matthäus 10,32 / Der Reformationstag des Jahres 2017 war ein ganz besonderer Tag. Wir gedachten des Thesenanschlags Martin Luthers vor 500 Jahren. Ein Gedenkgottesdienst am 31. Oktober in der Schlosskirche zu Wittenberg beendete die Feierlichkeiten anlässlich dieses Ereignisses.Die Kirche war voll besetzt. Zu den Besuchern gehörten der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin und andere führende Persönlichkeiten.Der Festgottesdienst wurde im Fernsehen übertragen. Soweit ich es am Bildschirm sehen konnte, sangen alle Gottesdienstbesucher das Lutherlied mit: „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Alle lauschten der Predigt. Alle sprachen das Glaubensbekenntnis. Alle beteten das Vaterunser.Ich musste dabei an einen Gottesdienst denken, den ich am 10. November, an Luthers Geburtstag, 1953 in Erfurt erlebte. Auf den Stufen vor dem Dom und der Severikirche sang damals ein Chor ebenso: „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Auf dem Domplatz standen viele Menschen, aber darunter war kein Staatsoberhaupt, keine bekannte Persönlichkeit der damaligen DDR-Regierung. Vielleicht tummelten sich unter den Zuhörern Mitglieder des Staatssicherheitsdienstes, die auf die Stimmung achteten und sich gegebenenfalls Notizen machten. Ich weiß nicht mehr, was der Prediger sagte, aber ich erinnere mich, dass die Masse damals in das vom Chor gesungene Lutherlied nicht einstimmte. Es schien in jener Zeit klüger zu sein, ein solch öffentliches Bekenntnis zu vermeiden.Etwa zwei Meter von mir entfernt stand ein älterer, stattlicher Herr, der unbekümmert des Schweigens der um ihn herum stehenden Menschen laut und deutlich in das Lied einstimmte. Und ich spürte, er sang das nicht nur. Er glaubte es. Ich war ein junger Prediger. Ich glaubte das auch. Warum habe ich mich nicht neben den Mann gestellt und mit ihm das Bekenntnis gesungen? Ich war zu feige.Es fällt leicht, dort, wo viele singen und beten, in das Bekenntnis einzustimmen; aber gerade dort, wo die Masse schweigt, hat sie das Bekenntnis nötig!Herr, lass uns „vor den Menschen“, die dein Wort nicht kennen, mutige Bekenner deiner frohen Botschaft sein!

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