News

Artikel

Glaubst du noch …

Glaubst du noch …

Shutterstock

… oder vertraust du schon?

07. Februar 2022 | Zürich | Rolf J. Pöhler

Jean-François Gravelet wurde unter dem Namen Charles Blondin für seine wagemutigen Seilkunststücke berühmt und bewundert. Doch wer würde sich von ihm auf dem Seilhinübertragen lassen?

Im Jahr 1859 überquerte der französische Akrobat Jean-François Gravelet, bekannt als The Great Blondin, als erster Mensch die Niagarafälle auf einem 335 Meter langen Seil von der amerikanischen zur kanadischen Seite – insgesamt neunmal. Einmal trug er seinen Manager Harry Colcord auf dem Rücken, ein anderes Mal verwendete er eine Schubkarre als Transportmittel. Die Menge bewunderte sein Können und glaubte an seine artistischen Fähigkeiten. Dennoch war (fast) niemand bereit, sich auf die gewagte Überfahrt mit ihm einzulassen. Das Risiko erschien einfach zu gross.

Diese Geschichte veranschaulicht den Unterschied zwischen glauben und vertrauen. Auf die Frage: „Glaubt ihr, dass ich einen Menschen auf die andere Seite bringen kann?“ erhielt der Artist viel Zustimmung. Doch der Einladung: „Dann steigen Sie ein!“ wollten die Zuschauer nicht folgen. Man konnte ja nie wissen, wie die Sache ausgehen würde. Obwohl sie ihm glaubten und das Kunststück zutrauten, vertrauten sie ihm im entscheidenden Moment doch nicht. Die Frage, wem man tatsächlich (noch) vertrauen kann, durchzieht unsere Gesellschaft wie ein roter Faden. „Alternative Fakten“, Fake News und Verschwörungstheorien finden immer mehr Anhänger, auch in frommen Kreisen. Man fürchtet den Staat im Staate (Deep State), misstraut den Medien („Lügenpresse“) und der Wissenschaft. Eine besorgniserregende Entwicklung, die das Vertrauen in führende gesellschaftliche Institutionen untergräbt und stattdessen tiefes Misstrauen schürt. Keine Tatsachenbehauptung, die nicht durch eine Gegenbehauptung sofort in Zweifel gezogen würde …1

Ein vertrauenswürdiger Gott?

Diese Situation ist nicht neu. Fast von Anfang an durchziehen Misstrauen und Zweifel die Menschheitsgeschichte. Das erste „Opfer“ war Gott selbst. „Hat Gott wirklich gesagt …?“ (1. Mose 3,1), zischte die Schlange und lieferte gleich zwei „alternative Fakten“ nach: „Keineswegs werdet ihr sterben! Sondern … ihr werdet sein wie Gott“ (1. Mose 3,4–5 SLT). Fake News waren der Auslöser für den ungeheuer folgenreichen Vertrauensverlust des Menschen in die Wahrhaftigkeit und Güte des Schöpfers, an dessen absoluter Vertrauenswürdigkeit sie bis dahin keinen Augenblick gezweifelt hatten. Seitdem ist es Gott, dessen Wohlwollen und Zuverlässigkeit immer wieder infrage gestellt wird. Nicht der Zweifel an Gottes Existenz hindert die (meisten) Menschen am Glauben, sondern die Frage, ob man ihm vorbehaltlos vertrauen, sich ihm bedingungslos anvertrauen kann. Biblisch gesprochen ist es die Treue Gottes, die absolute Verlässlichkeit seiner Heilszusage, die wir in Zweifel ziehen. Auch wenn wir von seiner Existenz überzeugt sind und glauben, dass er uns sicher ans Ziel bringen kann, heisst das noch lange nicht, dass wir seine Einladung annehmen und in die „Schubkarre“ einsteigen.

Vom Glauben zum Vertrauen

In der Alltagssprache bezeichnet das Wort glauben eine mehr oder weniger klare Meinung, die von einer blossen Vermutung („Ich glaube, es wird gutgehen“) über eine begründete Annahme (Ich glaube, es kommt Regen“) bis zu einer festen Überzeugung („Ich glaube, es gibt eine Auferstehung“) reichen kann. All diesen Formen des Glaubens ist gemeinsam, dass sie Aussagen oder Behauptungen für wahr und richtig halten. Sie lassen sich in der Satzform „Ich glaube, dass …“ ausdrücken. Der christliche Glaube kennt eine Reihe solcher Aussagen, zum Beispiel, „dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist“ (Hebräer 11,3), „dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes“ (Johannes 20,31) und „dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat“ (Römer 10,9; vgl. 1. Thessalonicher 4,14). Mit solchen Sätzen bekennen wir unseren Glauben an Gott und sein Heilshandeln für die Welt. Vor der Taufe bezeugen wir öffentlich: „Ja, ich glaube!“ und in den adventistischen Glaubensüberzeugungen geben wir dem Bekenntnis lehrhaften Ausdruck. Doch das allein macht noch keinen lebendigen Glauben. „Du glaubst: Es gibt nur einen Gott“, schreibt Jakobus. „Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern“ (Jakobus 2,19 EÜ). Zum Überzeugt-Sein von der objektiven Wahrheit über Gott muss das subjektive, persönliche Sich Verlassen auf Gott hinzukommen, damit von echtem Glauben geredet werden kann. Ein ehrliches „Ich glaube das!“ wird erst durch ein vertrauensvolles „Ich glaube dir!“ zum heilbringenden Glauben. Vertrauen (Sich-Verlassen) auf Gott setzt Glauben (Überzeugung) an ihn voraus und baut darauf auf.

Gottvertrauen in der Bibel

Das hebräische Alte Testament verwendet dafür meist das Wort ba¯tach (vertrauen) bzw. bittacho¯n (Vertrauen). Statt sich auf andere Menschen (Psalm 41,10–11; 118,8–9), falsche Propheten (Jeremia 7,4.8; 29,31), politische Allianzen (Jeremia 2,36–37; Hesekiel 29,13–16), militärische Macht (Jesaja 31,1; Hos 10,13), materiellen Wohlstand (Hiob 31,24), falsche Götter (Hab 2,18) oder auf sich selbst (Hesekiel 33,13; vgl. 2. Korinther 1,9) zu verlassen, soll der Mensch sein Vertrauen (Zuversicht, Hoffnung) auf Gott setzen: „Wohl dem Menschen, der sich auf dich verlässt!“ (Psalm 84,13). 2

Neben Abraham (1. Mose 15,6) und anderen Vorbildern aus der Zeit des Alten Bundes (Hebräer 11) ragt der jüdische König Hiskia heraus, der sich der überwältigenden feindlichen Übermacht Assyriens gegenübergestellt sah und für sein Vertrauen auf Gottes Hilfe belohnt wurde (2. Könige 18,19–24.30; 19,35–37; vgl. Jesaja 36–37). Im Neuen Testament ist es Petrus, der Jesus mehrmals vorbehaltlos vertraut (Lukas 5,5; Matthäus 14,28–31), dann aber von Ängsten und Zweifeln ergriffen wird und versagt (Matthäus 26,69–75). Einzigartiges Vorbild des Gottvertrauens ist Jesus, der trotz allem gegenteiligen Anschein an Gott festhält (Matthäus 27,43.46) und zeigt, dass Vertrauen auf Gott den Gehorsam gegenüber seinem Willen einschliesst (Phil 2,8). Während seines Wirkens hatte er die Jünger mehrfach zum Vertrauen auf die unbegrenzten Möglichkeiten Gottes aufgefordert (Matthäus 17,20; Markus 9,23; 11,22–24; Lukas 17,5–6). Für das griechische Neue Testament sind die Schlüsselbegriffe pistis (Glaube) und pisteuein (glauben) vor dem alttestamentlichen Hintergrund mit der Doppelbedeutung glauben und vertrauen aufgeladen.

Vertrauenswürdige Zeugen

Was wir über Jesus und seinen himmlischen Vater wissen, finden wir in der Bibel. Ohne die Heilige Schrift gäbe es keinen Glauben an Christus, keine christliche Kirche, keine Hoffnung auf seine Wiederkunft. Gott zu vertrauen heisst deshalb auch, seinem Wort zu glauben, seinen Verheissungen zu trauen und seine Gebote ernst zu nehmen. Ohne die Glaubwürdigkeit der biblischen Zeugen stünde unser Glaube auf tönernen Füssen. Ob Mose und die Propheten (Apostelgeschichte 24,14) oder die Apostel (1. Thessalonicher 2,13) – es ist das Zeugnis der Heiligen Schrift, auf dem der christliche Glaube (be)ruht. Wie sonst im Leben kommt es auch bei religiösen Fragen darauf an, wem wir Glauben schenken. Ob wir Gott und seinem Wort vertrauen (wollen), liegt in unserer Hand. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen, es kann nur jemandem geschenkt werden.

Vertrauen ist eine risikobehaftete Investition in der Hoffnung auf eine Rendite. Diese „Rendite“ hat Gott allen zugesichert, die sich auf ihn verlassen. „Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine grosse Belohnung hat.“ (Hebräer 10,35) Der Liedermacher Fritz Baltruweit hat diese Zuversicht so ausgedrückt: „Vertrauen wagen dürfen wir getrost, denn du, Gott, bist mit uns, dass wir leben.“ Aus meiner Jugendzeit ist mir ein anderer Song in Erinnerung, der mir noch in den Ohren klingt: „Immer auf Gott zu vertrauen, immer auf Gott zu vertrauen, immer auf Gott zu vertrauen, das ist der beste Weg“ (Herbert Masuch). Glaubst du noch oder vertraust du schon?

 

 

1 Siehe dazu auch das Thema des Monats Januar 2019 „Fakt oder Fake“
2 Siehe auch: 1 Chr 5,20; Ps 13,6; 28,7; 31,7; 40,5; 65,6; 71,5; Jes 7,9; 26,3–4;
30,15; Jer 17,7; 39,18; Dan 3,28; Hab 2,3–4]

Mit freundlicher Genehmigung vom Magazin "Adventisten heute" Heft 12/2020

Zurück