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«Nur mit Jesus will ich, Pilger, wandern»

«Nur mit Jesus will ich, Pilger, wandern»

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Ein Artikel zum Buch Hebräer

04. Januar 2022 | Zürich | Dominic Bornand

Studien belegen, dass Menschen sich zufriedener fühlen, wenn sie ihre Ziele erreichen.[1] In diesem Fall scheint mir auch der Umkehrschluss, dass das Nicht-Erreichen der Ziele zur Unzufriedenheit führen kann, durchaus sinnvoll. Das bestätigt schon die eigene Erfahrung, wenn man zum Beispiel auf einer Wanderung vom richtigen Weg abkommt. Eine gewisse Unzufriedenheit verspürte offensichtlich auch der Autor des Hebräerbriefs, da er sah wie seine Empfänger in Gefahr waren, vom richtigen Weg abzukommen.

Der Text des Hebräerbriefs schweigt über die Identität des Autors. Schon in der Frühzeit des Christentums lehnte die Westkirche die paulinische Autorschaft ab, und der Brief wurde deswegen erst am Ende des 2. Jhd. n. Chr. Teil des neutestamentlichen Kanons. Auch wenn heute die Mehrheit der Theologen die paulinische Autorschaft ablehnt, lassen die theologischen Konzepte des Hebräerbriefs—oder treffender der Predigt an die Hebräer—eine paulinische Autorschaft durchaus zu.

Die Idee, dass es sich beim Hebräerbrief eher um eine Predigt handelt, basiert auf der Beobachtung, dass im Text einige Worte eher das Reden und Hören als das Schreiben und Senden betonen (2,5; 5,11; 6,9; 8,1; 9,5; 11,32). Zudem bezeichnet der Autor sein Werk als ein «Wort der Ermahnung» (13,22), was sich im ständigen Wechsel zwischen den theologischen Ausführungen (1,1–14; 2,5–3,6; 5,1–10; 7,1–10,18; 11,1–40) und den darauf aufbauenden praktischen Ermahnungen (2,1–4; 3,7–4,16; 5,11–6,20; 10,19–39; 12,1–13,21) bestätigt. Diese Struktur ist einer Predigt ähnlicher, wie einem Brief.

Aus Hinweisen im Text lässt sich ein grobes Profil der ursprünglichen Empfänger erstellen. Sie gehörten zur zweiten Generation von Christen (2,3), scheinen schon länger der christlichen Gemeinde anzugehören (5,11–12) und sind mit den Grundlehren des Glaubens vertraut (6,1–2). Der thematische Schwerpunkt von der Verbindung zwischen Heiligtum und Jesus Christus deutet darauf hin, dass die Empfänger des Hebräerbriefs Judenchristen waren. Sie standen in der akuten Gefahr, den Weg des Glaubens an Jesus Christus zu verlassen und in ihren alten theologischen Verständnismuster zurückzukehren. Der Hebräerbrief ist also ein Versuch, die Empfänger wieder für Jesus Christus als persönlicher Erlöser zu begeistern. Um dieses Ziel zu erreichen, verwendet der Autor das Pilgermotiv.[2] Dabei vergleicht er den Weg des Unglaubens mit dem besseren Weg des Glaubens.

Als göttliche Offenbarung vom Weg des Unglaubens dient das von Engeln vermittelte Gesetz am Berg Sinai.[3] Gemäss dieser Offenbarung verdient jede Übertretung seine gerechte Vergeltung (2,2). Mose gilt als Anführer dieses Weges (3,2–3.5.16). Die Hohepriester sind menschlich und stammen aus der Nachkommenschaft Aarons. Wegen ihrer Sterblichkeit müssen sie ständig ersetzt werden. Wegen ihrer Sündhaftigkeit sind regelmäßige Opfer für ihre eigene Versöhnung und die des Volkes notwendig (5,1–4). Diese Versöhnung wird durch das Blut von regelmäßigen Tieropfern erwirkt (5,3; 7,27; 9,9–10; 10,1–4.11), welches seine Anwendung im irdischen Heiligtum findet (8,5; 9,1–10). Zusammengefasst entspricht dieser Weg dem Alten Bund (8,7–9; 9,18–22), in welchem der Mensch nicht durch Glauben und Gnade, sondern nur durch eine fehlerlose Leistung verbleiben kann. Die Sündhaftigkeit der Menschen verunmöglicht aber dem Pilger auf diesem Weg ans Ziel zu kommen.

Als alternative beschreibt der Autor den besseren Weg des Glaubens.[4] Als göttliche Offenbarung vom Weg des Glaubens dient Jesus Christus selbst, auf den das mosaische Gesetz eigentlich hinweist (1,1–4; 2,2–3). Jesus Christus dient gleichzeitig auch als der Anführer auf dem Weg des Glaubens (3,1–6). Während der Unglaube von Mose und dem Volk Israel ihren ersehnten Einzug ins gelobte Land verhinderte, ermöglicht der Glaube an Jesus Christus den Gläubigen den ersehnten Einzug ins Himmelreich (3,7–4,13). Im Vergleich mit Aaron ist Jesus auch der bessere Hohepriester (5,6–10; 6,20; 9,11; 10,21). Während die aaronitischen Hohepriester zwar mit den Sündern mitleiden konnten, waren sie nicht fähig, echte Versöhnung zu erwirken. Dies war nur durch die Menschwerdung Jesu Christi möglich. Diese ermöglichte ihm mit uns Menschen mitzufühlen. Die Überlegenheit von Jesus Christus als Priester zeigt sich aber vor allem anhand seiner Priesterschaft nach der Ordnung des Melchisedeks. Im Gegensatz zur levitischen Priesterschaft ist die melchisedekische Priesterschaft ewig (7,7–17.24). Jesus verrichtet seinen Dienst als Priester und Hohepriester am himmlischen Heiligtum (8,2; 9,11.23–24), welches er mit seinem einmaligen Opfer und Blut einweihte. Dadurch ermöglicht Jesus Christus den sündigen Menschen eine echte und dauerhafte Versöhnung (7,27; 9,12–14.25–28; 10,10.12.14). Zusammengefasst entspricht dieser Weg dem Neuen Bund, einem Bund der Gnade, wo Jesus Christus der Bürge ist (7,22; 8,6.10–13; 9,15; 10,16–18). Der Autor verweist auf eine Liste von Glaubenshelden, die diesen Weg des Glaubens bereits gegangen sind (11,1–40).

Der Autor schließt sein Pilgermotiv mit einer Vorschau über die unterschiedlichen Ziele der diskutierten Wege. In 12,18–21 nennt er als Ziel vom Weg des Unglaubens den Berg Sinai, ein gnadenloser und gesetzlicher Weg, der für jeden Pilger tödlich enden wird. Demgegenüber nennt er in 12,22–24 als Ziel vom Weg des Glaubens den Berg Zion, der als himmlisches Jerusalem identifiziert wird und für jeden Pilger im ewigen Leben enden wird. Dieser Weg ist nicht nur christuszentriert, sondern dieser Weg ist Christus selbst! Allein der Glaube an Jesus Christus bringt den Pilger ans Ziel. Dieser Weg ist ein vollumfänglich göttliches Geschenk an die sündige Menschheit! Das Studium vom Hebräerbrief lädt auch heute noch den Leser ein als Pilger, nur mit Jesus Christus zu wandern.

 

Der Weg des Unglaubens

Der bessere Weg des Glaubens

Offenbarung

Gesetz am Berg Sinai

Jesus Christus

Anführer

Mose

Jesus Christus

Ruhe für das Volk Gottes

Wegen Unglauben verwehrt

Durch Glauben an Jesus Christus ermöglicht

Hohepriester

Aaron und seine Nachkommen

Jesus Christus

Priesterordnung

Leviten (zeitlich beschränkt)

Melchisedek (zeitlich unbeschränkt)

Opfer

Wiederholend

Einmalig und ewig gültig

Opferblut

Blut von Tieren

Blut Jesu Christi

Heiligtum

Irdisch

Himmlisch

Bund

Alter werksgerechter Bund

Neuer Bund der Gnade

Ziel

Berg Sinai (irdisch, verderblich)

Berg Zion (himmlisch, unverderblich)

 


[1] So zum Beispiel Janina Larissa Bühler, Rebekka Weidmann, Jana Nikitin, Alexander Grob, “A Closer Look at Life Goals Across Adulthood: Applying a Developmental Perspective to Content, Dynamics, and Outcomes of Goal Importance and Goal Attainability,” European Journal of Personality 33.3 (2019), 359–384.

[2] Dies zeigte Ernst Käsemann in seinem Das wandernde Gottesvolk: Eine Untersuchung zum Hebräerbrief (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1957).

[3] Die Idee, dass das Gesetz des Moses durch Engel den Menschen am Sinai vermittelt wurde, findet sich zwar nicht im Bericht des 2. Mose, war aber im Judentum nach dem babylonischen Exil (Paulus inklusive, siehe Galater 3,19) ein weitverbreitetes Konzept.

[4] «Besser» (griechisch kreittōn) ist ein Schlüsselwort im Hebräer und kommt in 1,4; 6,9; 7,7.19.22; 8,6; 9,23; 10,34; 11,16.35.40; 12,24 vor.

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