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Katalysator Corona

Katalysator Corona

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Welche Chancen bietet die Pandemie für unsere geistliche Entwicklung?

14. Dezember 2021 | Dr. Christoph Berger

Ich erlebe die zweite Bibelstunde bei einem jungen Mann, der in den letzten Monaten in der Querdenkerbewegung aktiv war und über Vorträge im Internet Interesse an biblischer Prophetie bekommen hat. Nachdem wir uns in der vergangenen Woche etwas mit dem Buch Daniel beschäftigt hatten, zeigt er mir mehrere Seiten an persönlichen Fragen und Notizen. Wiederum erleben wir eine sehr gesegnete Zeit. Dann stellt er mir die Frage: "Wo kann ich mehr Gemeinschaft mit gläubigen Menschen erleben?" In Sekundenschnelle scanne ich die Gottesdienste und Kleingruppen in der geo-graphischen Umgebung durch. Dann versuche ich, seiner Frage auszuweichen. Ist das Klima in unseren Gemeinden durch Corona und die damit zusammenhängenden Fragen -die Fülle von Meinungen und Interpretationen - so angeheizt, dass auch du Sorge hast, Gäste einzuladen? Warum gelingt es uns nicht stärker, ein Klima der Annahme und des Respekts im Sinne Jesu zu leben? Habe ich persönlich Angst, offen zu meiner Entscheidung zum Thema impfen u. a. in meiner Gemeinde zu stehen? Ein solches Klima der Angsterschwert den wichtigen Austausch von Gefühlen oder persönlichen Empfindungen. Gerade in Zeiten wie diesen, wo Unsicherheit und Angst so präsent sind, und viele Menschen Entfremdung und Einsamkeit erleben, wäre ein geistliches Zuhause, wo ich Annahme und Unterstützung erleben kann, sehr wichtig. Selbst die qualitativhochwertigsten und zeitlich flexibel nutzbaren Internetangebote werden nie den persönlichen Kontakt ersetzen können. Aber ist "Corona" das eigentliche Thema oder nicht viel mehr eine Art Katalysator, der einige Themenbereiche beschleunigt oder verstärkt ans Tageslicht gebracht hat?

Empathie und Balance sind gefragt

Bevor ich Christ wurde, war ich Offizier bei der Bundeswehr. Trotz mancher Prägung, die ich in dieser Zeit bekommen habe, scheint es mir nichtangebracht, als Gemeinde im Gleichschritt zu marschieren. Es kommt vielmehr darauf an, im Sinne Jesu jeden anzunehmen und zu respektieren, wo er geradesteht. Wir sollten Freiraum zur Entwicklung und zum Wachstum geben und mit einem Vertrauensvorschuss auf die Menschen zugehen. Wo können, ja müssen wir im Fach "Empathie" noch zu legen, um der Wesensart Jesu ähnlicher zu wer-den und anderen kein Joch aufzulegen, das nicht zu tragen ist? Wo sollten wir die Angst ablegen, dass Veränderung nicht gleich Abfall bedeutet? Ich wünsche mir sehr, dass ich bei Gemeindestunden nicht befürchten muss, dass es schwere Verletzungen oder gar ein Zerbrechen der Gemeinde gibt. Es geht um Einheit in Glaubensfragen, aber auch um Respekt vor der Meinung des Anderen. Für eine Reihe von Gemeindegliedern war die Zeit des Lockdowns eine ersehnte Zeit der Regeneration. Macht uns die Pandemie deutlich, dass die oft ungleichmässige Verteilung an Verantwortung in der Gemeinde Spuren hinterlässt? Ist der Sabbat für manche zu einem Stress-Tag geworden, an dem sie nur "geben" müssen - ohne zu "bekommen"? Balance ist ein wichtiges Prinzip im Leben als Nachfolger Jesu. Mancher berichtet, dass der Sabbat in einer Hausgemeinde mehr persönliche Begegnung, mehr geistliches Auftanken und weniger formalen Ablauf ermöglicht. Ein Bedürfnis, das in unserer Zeit der Postmoderne auch missionarisches Potenzial bietet, im ungezwungenen, privaten Rahmen Freunden von Jesus zu erzählen. Jesus lehrt uns: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Balance ist somit auch zwischen dem Blick auf meine eigenen Bedürfnisse und dem Blick auf die Bedürfnisse der anderen wichtig. Gemeinde ist Familie, wer kümmert sich um unsere Kinder, um die Älteren und Kranken? Wer entlastet alleinerziehende Mütter ein wenig durch die Gestaltung der Kindersabbatschule? Wo sind wir als Gemeinde gefordert, eine Leitungsperson auch einmal durch eine Zeit des Auftankens hindurchzutragen, ohne gleich Kritik zu äussern? Gemeinde soll der Ort sein, wo Gott uns in seine Dienst- und Charakterschule führt, auch durch die Auseinandersetzung mit Gemeindegliedern, die andere Meinungen vertreten (Hbr 10,25).

Die Kommunikation pflegen

Corona hat auch als Katalysator unserer Kommunikation gewirkt. Gerade in den Entscheidungs-prozessen über wichtige Themen wie die Aussetzung von Gottesdiensten, braucht es verstärkte Kommunikation zwischen Gemeindebasis und Leitungsgremien. Ungeklärte Entscheidungen oder Handlungen können zur zwischenmenschlichen Belastungsprobe werden. Wie schnell wurde zu-weilen das Fernbleiben von Gemeindegliedern negativ interpretiert? Henrik (Name geändert), ein Mitglied der örtlichen Gemeinde, wurde von Peter, Mitglied einer Nachbargemeinde, beim Bäcker angesprochen. Peter konfrontierte Henrik damit, dass er nicht mehr den Gottesdienst besuche. Auch der Grund des Fernbleibens war Peter scheinbar bekannt. Bedauerlicherweise hatte keiner aus seiner Heimatgemeinde Henrik auf sein Fernbleiben angesprochen und der von Peter genannte Grund entsprach nicht der Wahrheit.

Gegen die Angst

Es ist auch eine unterschiedliche Wahrnehmung bezüglich des Umgangs mit der Corona--Thematik unter Gläubigen festzustellen. Manche Aussagen ausunseren Reihen werden als angstmachend erlebt. Angst ist eine Reaktion auf das Gefühl der Bedrohung. Welchen Raum nimmt in unserem Reden, in unserer Verkündigung die Perspektive der Hoffnung ein? Jesus ruft uns sein "Fürchte dich nicht" zu. Er ist der Sieger! Die Welt braucht gerade jetzt, inmitten ihrer Angstgetriebenheit, Menschen, die eine Botschaft gegen die Angst verkündigen und leben. Wer sich von Gott geliebt weiss, handelt hoffend. Der Knecht, der sein Talent aus Angst vergräbt (Mt 25,25) erlebt, dass sein Herr nicht Angst belohnt, sondern ihre Überwindung im Vertrauen. Obwohl ich nicht alles verstehe und einordnen kann, möchte ich meinen Fokus nicht auf Verschwörungstheorien oder das Wirken von menschlichen Organisationen legen. Ich bin als Nachfolger nicht frei von Angst, aber ich möchte gegen sie reden und handeln (Joh 16,33b), mit dem Grundmotiv der Hoffnung und nicht der Angst. Als Nachfolger Jesu haben wir allen Grund, lösungsorientiert zu denken, denn ER hat alles in seiner Hand und für alles eine Lösung. In Zeiten wie diesen seinen Frieden zu leben und zu versuchen, das Beste aus der Situation zu machen, ist ein grosses Geschenk! Neben vielen Herausforderungen bietet die Corona Krise auch eine Reihe von Chancen. Ich möchte überlegen, wo ich anfangen sollte, meine Empfindungen ehrlich zu kommunizieren, Vertrauen zu investieren und zwischen Gebot und Meinung zu differenzieren. Ich möchte überlegen, wo ein Umdenken stattfinden muss, um ein Gleich-gewicht in meinem eigenen Leben und im Hinblick auf die Bedürfnisse meiner Glaubensgeschwister und Mitmenschen zu finden. Ich möchte überlegen, wo mein Denken und meine Kommunikation mehr dem Wesen Jesu entsprechen sollte und wie mein Leben nicht vom Grundmotiv der Angst, sondern der Hoffnung geprägt wird. Mir fehlen meine Schwestern und Brüder sehr, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht mehr zur Gemeinde kommen. Und ich möchte bereit sein umzudenken, wo dies notwendig ist. Du auch?

Mit freundlicher Genehmigung von adventisten heute. Dieser Artikel wurde in Heft 2021/12 abgedruckt.

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