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Wie ich beten lernte

Wie ich beten lernte

Eine wahre Geschichte von Paul Wright

04. Dezember 2021 | Zürich | P. Wright

Wenn man viele Jahre lang im Dienst Gottes stand, erlebte man interessante Erfahrungen.

Paul Wright wird auf Ende Jahr in Pension gehen und erzält uns eine Geschichte aus seiner Zeit als Pastor.

Nadine und das Gebet

Von meiner Coiffeuse habe ich viel über Beten gelernt. Sie heisst Nadine[1], ist Mitte zwanzig, aufgestellt, freundlich und grosszügig. Sie ist auch anders als ich. Meine Haare sind grau. Ihre Haare sind manchmal blond, manchmal ein reizvolles Pink. Ihr letztes Tattoo hat sie sich von einem Buddhisten aus Tibet in den Nacken stechen lassen. Er sagte ihr, dass die Tätowierung sie vor dem Bösen schützen würde und sprach einen Segensspruch über sie, als er fertig war. Nadine sagte mir, es sei eine wunderbare Erfahrung gewesen.

Ihr Bruder ist ein Fan unserer örtlichen Fußballmannschaft. Er gehört zu einer Gruppe von Hooligans, die bei der örtlichen Polizei gut bekannt ist. Nadine hat mir immer wieder von ihrem Bruder erzählt. Sie billigt zwar seine Gewalttätigkeit nicht, aber mit einem Achselzucken sagt sie, dass Gewalt einfach Teil der menschlichen Natur ist. Sie kann ihren Bruder dafür nicht verurteilen.

Sie hat eine lange Liste von Freunden gehabt. Als ich ihr erzählte, dass meine Frau und ich bald einen grossen Hochzeitstag feiern würden, sagte sie, dass sie sich gerade von ihrem letzten Partner getrennt habe. "Ich hatte noch nie eine Beziehung, die länger als ein Jahr gedauert hat", sagte sie mir.

Manchmal sprechen wir über unsere Weltanschauungen. Ich erzählte ihr von meiner Überzeugung, dass Jesus bald wiederkommen wird. Sie war interessiert, aber sie hält es für wahrscheinlicher, dass ein Asteroid unseren Planeten treffen und das Leben völlig zerstören wird. Ihre Hoffnung für die Zukunft ist, dass sich andere Lebensformen irgendwann entwickeln und eine bessere, gerechtere Welt schaffen werden als die jetzige.

Als unsere Gemeinde im Vorfeld einer Evangelisation beschloss, für Menschen zu beten, die Christus nicht kennen, stand Nadine jedoch nicht auf meiner Liste. «Es lohnt sich nicht für sie zu beten,» dachte ich mir. «Sie ist viel zu weit von Gott entfernt».

Kurz darauf ging ich wieder zum Haareschneiden. Nadine war etwas aufgeregt. Eine Freundin von ihr erwartete ein kleines Mädchen und wollte, dass Nadine Patin wird. Nadine sprach mit mir darüber, wie sie eine Beziehung zum Baby aufbauen könnte. "Ursprünglich unterstützte eine Patin die religiöse Erziehung eines Kindes", sagte ich, "warum kaufst du ihr nicht ein Buch mit biblischen Geschichten"? Nadine war nicht beeindruckt. Sie wählte jedoch ihre Worte freundlich und mit Taktgefühl: «Ich glaube, sie wird eher irgendwann Harry Potter lesen", sagte sie mit einem charmanten Lächeln.

Innerlich dachte ich mir nochmals: «Was nützt es, für Menschen zu beten, die so weit von Gott entfernt sind wie Nadine»?

Aber als ich sie letztes Mal sah, war Nadine verzweifelt. Ihr Großvater war gestorben und hinterließ bei ihr ein Gefühl der Einsamkeit, das sie nur schwer in Worte fassen konnte. Ihr neuester Freund hatte sie verlassen und ihren Kummer noch vergrößert. Aber das Schlimmste war, dass ihr Bruder zu Hause Amok gelaufen war. In einem Wutanfall hatte er versucht, seine Mutter zu erwürgen und Nadine umzubringen. Nadine konnte sich im Keller verstecken und rief die Polizei. Es brauchte es sechs Polizisten, um den Bruder zu bändigen. Dieser Vorfall veränderte ihre Einstellung zu Gewalt. Aber ihre Worte danach haben auch mich verändert. Denn, als sie mir beim Haareschneiden davon erzählte, sah sie mich voll in die Augen. Als ich den Appell in ihrem Blick sah, schämte ich mich. "Bitte bete für mich", sagte sie.


[1] Name geändert.

Danke Paul, für diese Geschichte. Wir wünschen dir für deinen Ruhestand Gottes reichen Segen und weiterhin tolle Erlebnisse mit ihm!

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