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Interview mit Herbert Bodenmann

Interview mit Herbert Bodenmann

Ein Rückblick in den Dienst als Pastor

02. Dezember 2021 | Zürich | N.Bürgi

Herbert Bodenmann diente viele Jahre in der DSV als Pastor und Abteilungsverantwortlicher. Nun ist die Zeit gekommen, um in den Ruhestand zu gehen.

Wir haben mit Herbert (Hebi) ein Interview geführt. Er erzählt von seinen Höhen und Tiefen und ob er es je bereut hat Pastor geworden zu sein.

Hebi, wie lange warst du in der DSV tätig und welches waren deine Aufgaben?

Ich bin eine «Monokultur Heinz», da ich vier Jahre ausschliesslich bei Hans Heinz in Bogenhofen studiert habe. 1977 begann ich mit 22 den Dienst im Bezirk St. Gallen und war dann in der «Crami». Zwei Mentoren haben mich besonders gefördert und geprägt: mein Vater, Werner Bodenmann und Kurt Ehrismann. Dann folgten die Gemeinden Schaffhausen, Basel, Zürich I, Winterthur, Mellingen, Hunzenschwil. Auf DSV-Ebene war ich Jugendsekretär, Sekretär und betreute die Abteilungen Gemeindeentwicklung (Kleingruppenarbeit), Aussenbeziehungen & Religionsfreiheit, Kommunikation und den Adventistischen Pressedienst APD. Von 2000 bis 2004 leitete ich ADRA Schweiz. Alles in allem waren es 43 Jahre.

Gab es Höhepunkte oder Tiefpunkte in deiner Arbeit? Welche waren das für dich?

An einem Ausbildungstag der ADWAleiter zum Thema Klettern und Abseilen stürzte in einem Wald bei Baden eine Ausbildnerin in der Mittagszeit beim Rekognoszieren über einem Felsband ab und verletzte sich so schwer, dass sie am nächsten Tag leider im Unispital Zürich starb. Die Eltern haben mir auch nicht andeutungsweise einen Vorwurf gemacht, sondern mich gebeten, die Abdankung zu halten. Dies war einer meiner schwierigsten Momente - nebst der Beerdigung eines neugeborenen Kindes.

Das Zerbrechen der Ehe war für mich eine Katastrophe und für die Kinder wahrscheinlich ein Weltuntergang. Sie sind dennoch ihren Weg gegangen, was sie ihrer Mutter verdanken und dem Beistand Gottes. Ich bin dankbar, dass die Gemeindeleitung in Basel unparteiisch mit uns umgegangen ist und Gemeindeglieder uns beigestanden sind. In jener Zeit hatte ich Mühe mit Beten. Paul Hofmann, André Rüegg bzw. der damalige Vereinigungsausschuss haben trotz des Scheiterns der Ehe, mein Arbeitsverhältnis nicht aufgelöst und haben ermöglicht, dass meine Familie in der Dienstwohnung bleiben konnte. Dafür bin ich sehr dankbar! Gnade, so habe ich einmal gelesen, ist ungerecht. Sie schenkt einem das, was man nicht verdient hat und öffnet wieder die Türe zum Leben.

Ich habe die Wahl zum Vorsteher 2005 abgelehnt, weil die Anzahl der Zustimmenden nicht dem entsprochen hat, was ich vorher für mich mit Gott als Limite für die Annahme der Wahl abgemacht hatte. Ich habe das nicht als Tiefpunkt erlebt, sondern als Antwort Gottes, die sich für mich durch meinen weiteren Lebensweg bestätigte.

Ein Höhepunkt ist bis heute, wenn ich bei Gesprächen über Gott oder in der Predigt spüre, wie Menschen das Evangelium als frohmachende Nachricht erleben: Dass sie es nämlich glauben, fassen und auf ihre Existenz beziehen können, dass Gott sie liebt. Und, dass ihnen das Ergriffensein von diesem bedingungslos liebenden Gott jene inneren Löcher stopft, die sie vorher mit nichts – auch nicht mit Vergnügungen oder Frommsein - füllen konnten. Und dass andere, die glücklich waren und in ihrem Leben nichts vermissten, durch die Begegnung mit Gott tief bereichert und erfüllt wurden.

Zu den Bereicherungen zähle ich auch die zwischenkirchlichen Kontakte, die ich mit Vertretern anderer Kirchen pflegen durfte. Ich habe gesehen, dass sie die gleichen Probleme haben, dass sie aufrichtig an Jesus glauben und dass uns im Glauben viel mehr eint als trennt. Ökumenische Kontakte werden in unseren Reihen leider misstrauisch beäugt, ebenso jene, welche diese Kontakte im Auftrag der Kirche pflegen. Ich weiss immer noch nicht, weshalb.

Was waren deine liebsten Tätigkeiten in deinem Job?

Ich predige gerne und möchte das, was mich beseelt, - das Evangelium -, weitergeben. Ich liebe es auch, mit Anderen Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Die langfristige seelsorgerliche Begleitung gehört nicht zu meinen bevorzugten Tätigkeiten. Gliederbesuche mache ich hingegen gerne. Ich habe es in meinem ganzen Dienst geschätzt, auch Bücher von evangelischen Theologen oder von Hans Küng zu lesen. Sie haben mir den Horizont zur Bibel, Ethik und zu gesellschaftlicher Verantwortung erweitert.

Siehst du Veränderungen und Probleme in der Gemeinde seit du diese Arbeit machst? Welche sind das?

Zuerst kurz einige Stichworte zu Veränderungen, Problemen und Lösungsansätzen: Die Zusammensetzung der Gemeinde ist multinationaler geworden, was alle fordert | Das iCOR-Konzept für eine generationenübergreifende, werteorientierte Gemeindeentwicklung ist ein hilfreicher Ansatz | Wir haben zu viele kleine, kaum lebensfähige Gemeinden, die vor allem für Kinder und Jugendliche unattraktiv sind | Dankbar bin ich für alle, die sich mit Kopf und Herz in der Gemeinde engagieren!

Kürzlich hat jemand vorgeschlagen, dass wir eine Rangordnung der Wahrheiten formulieren sollten, indem wir offiziell Randwahrheiten von Kernwahrheiten unterscheiden. Kernwahrheiten erfordern Einheit, Randwahrheiten ermöglichen Vielfalt. Dass wir keine Hierarchie der Wahrheiten haben, bewirkt zunehmend eine Spannung zwischen jenen in unserer Gemeinde, die zurück in die Vergangenheit wollen und anderen, die zukunftsoffen die Gegenwart gestalten wollen.

Ich kann mich der Analyse von William Johnsson, der 24 Jahre Herausgeber von «Adventist Review» war, im Buch «Ist das noch meine Kirche?», anschliessen: Gal. 3,28 bezieht die Mehrheit nicht auf Pastorinnen; die einen isolieren sich sektiererisch von der Gesellschaft, andere wollen sich darin engagieren; einige gehören zum «Empfangskomitee» der Wiederkunft, andere zum nervösen «Planungskomitee»; einige halten sich an «aus Glauben allein», andere hängen zusätzliche Forderungen an; Genesis 1 ist für einige eine Schöpfungserzählung mit der Kernaussage, dass Gott ihr Schöpfer ist, für andere handelt es sich um einen historischen Bericht mit ca. 6'000 Jahren Erdgeschichte; den einen geht es um eine prinzipientreue Schriftauslegung, andere gehen biblizistisch, also in vorwiegend buchstäblicher Weise, an den Text heran; einige ordnen die Aussagen von Ellen White der Autorität der Bibel unter, andere setzen sie der Bibel gleich oder ordnen sie ihr über.

Der Slogan zu 500 Jahre Reformation «Quer Denken – frei Handeln – neu Glauben» wäre wieder angesagt. Unsere Pioniere waren gesellschaftspolitisch aktiv und kämpften für die Abschaffung der Sklaverei, der Rassentrennung und der Todesstrafe. Mit dem prophetischen Aspekt, also zu wissen, was jetzt dran ist, haben wir Mühe.

Die Digitalisierung bietet ungemeine Chancen für die Evangeliumsverbreitung. Im Internet müssen wir vermehrt mit Angeboten präsent sein, die auf Bedürfnisse unserer Zeitgenossen reagieren. Ich freue mich, dass dafür im deutschsprachigen Raum zunehmend grenzüberschreitend zusammengearbeitet wird, bei den Printmedien hingegen finanziert weiterhin jedes Land seinen eigenen Verlag.

Eine der Schattenseiten der Digitalisierung sehe ich in den selbsternannten Bibelinterpreten mit ihren privaten Videokanälen auf YouTube. Sie erreichen mit ihren teils spekulativen Bibelauslegungen auch innerhalb der Gemeinde viele Anhänger, die ihnen oft unkritisch an den Lippen hängen. Sie bringen aber auch Aussenstehende mit der Gemeinde in Kontakt.

Auf der Ebene der Weltkirchenleitung habe ich Mühe mit der zunehmenden Mentalität des Autoritarismus, der den Pluralismus begrenzt. Es geht meines Erachtens nicht, dass überregionale Kirchenleitungen (Unionen) bei Gewissensfragen (Gleichberechtigung) von «oben» sanktioniert werden.

Und ein Letztes: Es ist ein Wunder, dass sich unsere Weltkirche in den 158 Jahren noch nicht gespaltet hat! Überfällige Strukturanpassungen auf globaler Ebene könnten helfen, dass dies so bleibt.

Hast du es je bereut Prediger geworden zu sein?

Nein, nicht wirklich. Schwierig sind jedoch jene Situationen, wenn Eifrige ihren Mitgläubigen mit undifferenziertem Zitieren einiger Aussagen von Ellen G. White vorgeschrieben haben, wie sie leben sollten (keinen Käse, kein Fleisch essen, auf dem Land wohnen...) und man als Prediger nicht in diesen Chor einstimmen will, weil man nicht Nebensächliches zu Zentralem machen will. Dann bekommt man schnell von einigen das Label «liberal» verpasst. Ab dann ist der Elefant in Raum, - überall wo man ist. Ich kann es schlecht mit jenen, die meinen, der Glaube müsse vor allem weh tun. Das Evangelium macht froh und frei. Nun will ich mich keineswegs mit Jesus vergleichen, interessant ist dennoch, dass Jesus das Etikett «liberal» angehängt wurde (Mt 5,17), - das wirksamste Mittel, um jemanden in «rechtgläubigen» Kreisen abseits zu stellen.

Wie möchtest du nun deinen Ruhestand geniessen?

Ich möchte vermehrt etwas mit meiner Frau und den Enkeln unternehmen, mich fit halten und für Andere da sein. Dann möchte ich mich weiterhin mit den Podcasts der moderne Bibelwissenschaft von «Worthaus» beschäftigen. Manche sind für mich Trouvaillen, auch wenn nicht alles adventistischen Auffassungen entspricht. Ich hoffe, dass mir die Freude am Leben sowie das Interesse an der Welt noch lange erhalten bleibt und ich zufrieden und dankbar älter werden kann.

 

Vielen Dank Hebi, für deine wertvolle Arbeit in der DSV! Wir wünschen dir von Herzen alles Gute, Gottes reichen Segen und einen schönen Ruhestand!

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