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Warum Siebenten-Tags-Adventisten keine Fundamentalisten sind

Warum Siebenten-Tags-Adventisten keine Fundamentalisten sind

Prof. Nicholas Miller

© Foto: Marcos Paseggi/Adventist Review

Bericht der Konferenz Adventistischer Historiker vom 8. bis 9. Januar

09. Januar 2018 | Basel | Marcos Paseggi - übersetzt und redigiert: Herbert Bodenmann

Takoma Park, Maryland/USA, 09.01.2018 – „Siebenten-Tags-Adventisten sind keine Fundamentalisten"*, sagte Nicholas Miller, Professor für Kirchengeschichte am Eröffnungsplenum der Konferenz "Situating Adventist History" (Einodnung der adventistischen Geschichte). Die Konferenz der adventistischen Historiker hat laut Adventist Review AR, nordamerikanische Kirchenzeitschrift, vom 8. bis 9. Januar auf dem Campus der Washington Adventist University in Takoma Park, Maryland/USA, stattgefunden.

Fundamentalismus*
[Vorab und zum besseren Verständnis des Begriffs „Fundamentalismus“, auf den sich Nicholas Miller in kirchengeschichtlichem Zusammenhang bezieht, einige Hinweise:

Wikipedia:
„Das Wort Fundamentalismus trat erstmals im Zusammenhang mit einer von Reuben Archer Torrey herausgegebenen Schriftenreihe „The Fundamentals A Testimony to the Truth“ auf, die sich gegen liberale Theologie und insbesondere die historisch-kritische Methode wandte. Zu den Autoren gehörten namhafte konservative Theologen wie Benjamin Breckinridge Warfield. Die fünf wesentlichen Punkte ihrer Haltung wurden 1910 von der Generalkonferenz der presbyterianischen Kirche zusammengefasst:

  • die Irrtumslosigkeit und Autorität der Bibel
  • die Gottheit Jesu Christi
  • die Jungfrauengeburt und Wunder
  • sein Tod für die Sünden der Menschen
  • seine leibliche Auferstehung und seine Wiederkunft

Die in den „Fundamentals“ vertretene Haltung genügt nicht, um den christlichen Fundamentalismus trennscharf zu definieren. Von anderen Strömungen unterscheidet sich der christliche Fundamentalismus durch eine biblizistische Auslegung der Bibel, die so eng mit dem Heilsglauben verbunden ist, dass andersdenkenden Christen ihr Christsein abgesprochen wird. Ergänzend kommen dazu eine konservative politische Haltung und der Wille, religiös begründete Überzeugungen auch politisch durchzusetzen“ (Zugriff: 09.01.2018/12:41: https://de.wikipedia.org/wiki/Fundamentalismus)

Adventisten haben sich meist von der Verbalinspiration der Bibel, wie sie von christlichen Fundamentalisten vertreten wurde, distanziert. Ebenso waren Adventisten strikte Vertreter der Trennung von Kirche und Staat und haben jegliche Durchsetzung von religiösen Überzeugungen mit Mitteln des Staats abgelehnt.

Der Begriff „Fundamentalisten“ hat zumindest in Europa, eine Wandlung durchgemacht, sodass Christen, die an die Sechstageschöpfung glauben, heute als Fundamentalisten bezeichnet werden. H. Bodenmann)]

Millers Vortrag mit dem Titel „Adventismus, Fundamentalismus und die Bibel" lieferte historische Beweise, die zeigen, wie der Adventismus, obwohl eine konservative Bewegung, grösstenteils in der Lage war, sich von einigen der fundamentalistischen Fallstricke zu lösen, indem er eine ausgewogenere Herangehensweise an verschiedene Themen, einschliesslich der Inspiration der Schrift, angenommen habe. Es ist etwas, sagte Miller, das in den Ideen verwurzelt ist, welche die Frühgeschichte der Kirche beeinflusst haben und die Notwendigkeit sowie Bedeutung der Erforschung der adventistischen Geschichte unterstreicht.

In diesem Zusammenhang erwähnte Miller einige der Ideen, die den Hintergrund bilden und den frühen Adventismus beeinflussten. Er verwies ausdrücklich auf drei Begriffe, die seiner Meinung nach das Denken der adventistischen Pioniere prägten.

1.     Urteilsvermögen
„Die Pioniere glaubten nicht, dass absolute Beweise nötig sind, um die Wahrheit zu verstehen. Sie glaubten an die Rolle des Urteilsvermögens zur Erkenntnis der Wahrheit", sagte er zum ersten Punkt.

2.     Weitere Erkenntnisquellen
Miller erklärte auch, dass im Gegensatz zu Fundamentalisten die adventistischen Pioniere, darunter die Mitbegründerin der Kirche, Ellen G. White, glaubten, dass die Erkenntnis der Wahrheit auf dem Wort Gottes basiere. Es sei aber auch durchaus möglich, wichtige Einsichten aus dem „Buch der Natur" und aus „der Erfahrung des Wirkens Gottes im menschlichen Leben" zu gewinnen. Dies sei etwas, so Miller, das es adventistischen Pionieren ermöglicht habe, zu anderen Schlussfolgerungen als die christlichen Fundamentalisten zu gelangen. Dies betreffe zum Beispiel Themen wie die ewige Bestrafung, dass Frauen in der Kirche sprechen dürften und die Frage der Sklaverei.

3.     Güte Gottes
Schliesslich wurden die frühen Adventisten von der Vorstellung der moralischen Regierungsführung Gottes, als interpretative Voraussetzung, beeinflusst. Laut Miller erfordert sie, problematische Bibelverse durch die Linse der Güte Gottes zu betrachten. „Wenn die Bibel zum Beispiel vom ewigen Feuer sprach", sagte Miller, „suchten die frühen Adventisten nach alternativen Erklärungen, da sie erkannt hatten, dass ein guter Gott seine Kinder niemals für die Ewigkeit bestrafen würde.“

„All dies hebt den Adventismus vom Fundamentalismus ab und macht ihn zu einer anderen religiösen Strömung", sagte der Theologe.

Konservativ und pragmatisch
Miller ging auf diese dynamische Entwicklung des adventistischen Verständnisses ein und erörterte einige historische Spannungen im Adventismus bezüglich der Inspiration. Während Fundamentalisten in der Regel die wörtliche Irrtumslosigkeit der Schrift verteidigt haben, das heisst, dass die Bibel in jeder Hinsicht und in allem fehlerfrei sei, haben es die meisten Siebenten-Tags-Adventisten nicht so gesehen. „Siebenten-Tags-Adventisten haben eine hohe Achtung für die Heilige Schrift, glauben aber nicht an deren wörtliche Irrtumslosigkeit", sagte er. Dasselbe gilt für White's Schriften. Ellen White selbst habe die Irrtumslosigkeit nicht unterstützt, sagte Miller.

Bis 1915 war die Kirche in Rassen- und Frauenfrage pragmatisch und fortschrittlich
Nach dem Tod von Ellen G. White im Jahr 1915 versuchte ihr Sohn William White die Sichtweise seiner Mutter bezüglich der Inspiration lebendig zu halten. Er habe sich gegen Bestrebungen gestellt, welche die wörtliche Unfehlbarkeit unterstützten, sagte Nicholas Miller. Der Aufstieg liberalen christlichen Denkens habe die adventistischen Führer dazu bewogen, sich in den nächsten paar Jahrzehnten nach dem Tod von Ellen White bei vielen Themen an die Seite der Fundamentalisten zu stellen, wodurch die Idee der verbalen Irrtumslosigkeit in der adventistischen Kirche Eingang gefunden habe. Das habe letztlich dazu geführt, dass sich der Ansatz und das Vorgehen der Kirche in Bezug auf die Rassenfrage und die Rolle der Frau in der Kirche verändert habe, die bis einige Jahre nach dem Tod von Ellen White pragmatisch und fortschrittlich gewesen seien.

Derzeit werde der Adventismus immer internationaler, sagte Miller. „Vor diesem Hintergrund haben wir eine konservative Kirche, aber sie hat immer wieder bewiesen, dass sie keine fundamentalistische Kirche ist", schloss er.

Alec Ryrie: Adventismus ist im Wesentlichen pragmatisch
Alec Ryrie, Autor und Professor an der University of Durham, England, schien Millers These zuzustimmen. Bei der Diskussion über den Stellenwert des Adventismus in der protestantischen Geschichte sagte er, dass der Adventismus die Fallstricke vermieden habe, durch die andere Bewegungen untergegangen seien.

Historisch gesehen, misstrauten protestantische Bewegungen den Regierungen. „Sie weigerten sich, sich in die Politik einzumischen, oder sie ignorierten die Regierung ganz und gar", sagte Ryrie. Die Siebenten-Tags-Adventisten hätten aber einen anderen Weg gewählt. Sie hätten sich zu Wahlen geäussert und für die Mitarbeit in staatlichen Gremien ausgesprochen. „Im amerikanischen Bürgerkrieg, als sie sich gegen die Sklaverei engagierten, haben sie sich gegen beide Seiten des Streits ausgesprochen", so Professor Ryrie, der kein Mitglied der adventistischen Kirche ist.

Laut Adventist Review AR, nordamerikanische Kirchenzeitschrift, glaubt Ryrie, dass im Gegensatz zu anderen Konfessionen ein Teil des adventistischen Erfolges darin besteht, dass es ihm gelungen ist, an apokalyptischen Gedanken festzuhalten, ohne unausgewogen zu werden. „Adventismus ist im Wesentlichen pragmatisch", sagte er.

Die zweitägige Veranstaltung der Vereinigung adventistischer Historiker (Association of Seventh-day Adventist Historians) wurde vom Büro für Archive, Statistik und Forschung der adventistischen Weltkirchenleitung (Office of Archives, Statistics, and research, ASTR) und der Washington Adventist University getragen. Laut AR nahmen an der Konferenz Dutzende von Historikern, Forschern und Professoren der Siebenten-Tags-Adventisten an den Präsentationen, Fragerunden und Diskussionen teil.

(Originalbericht auf Englisch: http://www.adventistreview.org/church-news/story5777-why-seventh-day-adventists-are-not-fundamentalists)

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