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Sozialprojekt in Bürglen/TG: "Speise zur rechten Zeit"

Sozialprojekt in Bürglen/TG: "Speise zur rechten Zeit"

Zwei Frauen im Interview - ADRA Geschäftsleiter, Mike Perekrestenko auf Sofa | Gabriel Maurer - rechts, ADRA Mitarbeiter

© Foto: ADRA Schweiz

Tag der offenen Tür, 25.10.2017

08. November 2017 | Bürglen | Stephanie Dietrich

Am Mittwochnachmittag, den 25. Oktober 2017, fand von 15 bis 18 Uhr der Tag der offenen Tür des Projekts „Speise zur rechten Zeit“ in Bürglen/TG statt. Insgesamt nahmen rund 60 Personen an diesem besonderen Nachmitag teil, an dem nicht nur das Ladenlokal an der Maurenstrasse 9 den Besucherinnen und Besuchern gezeigt und das Projekt „Speise zur rechten Zeit“ vorgestellt wurde, sondern auch über die mit dem Projekt in Zusammenhang stehende Hilfsorganisation ADRA und die Beratungsstelle für Soziale Problme GmbH dem Publikum näher gebracht wurden. (Zahlen zum Projekt und Fotos zum Tag der offenen Türe am Ende des Berichts).

Das Projekt „Speise zur rechten Zeit“ unterstützt Menschen mit Lebensmitteln, die sie von Spendern erhalten. Somit wird ein wesentliches Grundbedürfnis der Menschen, nämlich das nach Nahrung, abgedeckt. „Dies ist jedoch nicht genug“, betonte Jörg Fehr, Projektleiter von „Speise zur rechten Zeit“ und Administrator der Beratungstelle für soziale Probleme. Es gehe nicht nur um die Abdeckung der materiellen Grundbedürfnisse durch Nahrung, sondern auch um die sozialen Bedürfnisse – das Pfegen von Gemeinschaft und Austausch sowie um den Einsatz für diese Menschen – die Fürsprache für sie, wenn sie nicht mehr weiter kommen („Advocacy“).

Dies wird durch die Beratungststelle für Soziale Probleme gewährleistet. Edith Fehr ist seit 15 Jahren Geschäftsleiterin dieser Beratungsstelle. Sie arbeitet eng mit anderen Fachpersonen sowie mit dem Sozialamt zusammen. So bietet sie Unterstützung, um aus der Schuldenkrise hinauszukommen. Es geht dabei auch um die Wiederherstellung der Würde des Menschen. Dies könnte als Motto des Projekts „Speise zur rechten Zeit“ und der Beratungsstelle für Soziale Probleme gesehen werden: Wir sind alle Menschen. Wir haben eine Würde. Und somit ist es wichtig, auf die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden individuell einzugehen.

Die Hälfte der Menschen, die Lebensmittel beziehen, sind Flüchtlinge. 20 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer holen die Lebensmittel ab, sortieren und präsentieren sie für die Kundinnen und Kunden im Laden oder bereiten die Lebensmittel-Kisten für diejenigen vor, denen die Lebensmittel nach Hause geliefert werden. Mit einem Videoclip wurde die Arbeit des Projektteams anschaulich dokumentiert. Dabei wurde klar, dass das Ladenlokal an der Maurenstrasse 9 in Bürglen nicht nur eine Lebensmittelabgabe- oder Verteilstelle ist, sonder dass an diesem Ort auch Begegnungen stattfinden: Es finden Gespräche zwischen Kundinnen und Kunden sowie Mitarbeitenden statt, Kinder der Klienten spielen in der Spielecke, es wird zusammen Tee getrunken, geschwatzt und gelacht. Gibt es Bedarf für ein persönliches Gespräch oder ein Beratungsgespräch, so werden diese diskret im Büro nebenan geführt.

Im Turnus von sechs Wochen findet ein sogenannter internationaler Begegnungsabend im Lokal der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten statt, zu dem alle Kundinnen und Kunden eingeladen sind. Diese interkulturellen Anlässe bieten die Möglichkeit, etwas über die Kulturen der Menschen aus anderen Ländern zu erfahren, aber auch, um die Schweizer Kultur näher zu bringen. Jedes Mal gibt es auch ein internationales Buffet. Aber auch Spiel und Spass sind immer Teil eines solchen Abends. Jeweils am Mittwochabend findet zudem im Ladenlokal an der Maurenstrasse Deutschunterricht für Flüchtlinge statt.

Mike Perekrestenko, Direktor der Adventistischen Entwicklungs- und Katastrophenhilfe ADRA Schweiz, stellte die Organisation ADRA mit ihrem weltweiten Wirkungsgebiet vor. Zurzeit gibt es 35 Projekte in 13 Ländern. ADRA arbeitet zurzeit in Ostafrika und verteilt Wasser- und Nahrungsmittel in Dürregebieten. In Somalia ist es das Ziel von ADRA, die Kindersterblichkeit durch Hygieneschulungen zu senken. Die Folgen des Wirbelsturmes Matthew, der in Haiti Zerstörung angerichtet hat, werden durch das Verteilen von Hygiene-Kits und Lebensmittel bekämpft, zudem wird an der Wasseraufbereitung und am Wiederaufbau gearbeitet.

Im Anschluss an Mike Perekrestenkos Ausführungen stellte Monika Stirnimann, Leiterin der ADRA-Projekte in der Schweiz, laufende Projekte vor. So gibt es beispielsweise in Zürich eine Kleiderabgabestelle für Flüchtlinge und sozial schwache Personen. Neu wird auch in Heiden/AR eine sogenannte „Kleiderkammer“ betrieben, wie auch in Neuchâtel, wo die Leute zudem einmal pro Woche eine warme Mahlzeit und Deutschunterricht erhalten können. Seit über 20 Jahren gibt es in der Schweiz die sogenannte „Freiwilligenwoche“, in der Bauernfamilien durch ein Team von Freiwilligen eine Woche lang unterstützt werden. Ein weiteres beliebtes Projekt ist die Weihnachtsaktion „Kinder helfen Kindern“. Seit 15 Jahren packen Kinder in der Schweiz Weihnachtspakete für Kinder in Osteuropa. In der Schweiz werden sämtliche Arbeiten von ADRA nur mit Freiwilligen durchgeführt. Es gibt 56 ADRA-Ortsgruppen, davon befinden sich 35 in der deutschsprachigen Schweiz.

Ein weiterer Programmpunkt des Tags der offenen Tür waren Interviews mit Personen, die am Projekt „Speise zur rechten Zeit“ aktiv beteiligt sind oder auch Lebensmittel beziehen. So erfuhr das Publikum, dass Yemane aus Eritrea kam und nun seit acht Jahren in der Schweiz lebt. Er ist ein aktives Mitglied des Projektteams. Er hilft täglich, Lebensmittel abzuholen, zu sortieren und zu verteilen. Seine Motvation für diese Arbeit ist es, Gutes zu tun, Menschen eine Freude zu bereiten und damit Gott zu ehren. Es ist ihm eine besondere Freude, wenn er den Nachbarn Blumen schenken kann.

Berivan, eine Frau aus Syrien, ist seit zwei Jahren und fünf Monaten in der Schweiz. Auch sie ist begeistert, dass sie im Laden mithelfen kann. Sie hilft beim Sortieren und Verteilen von Lebensmitteln sowie beim Reinigen der Räume, Regale und Vitrinen. Sie empfindet es als Glück, diese Arbeiten verrichten zu dürfen und schätzt die gute Zeit, die sie hier verbringen kann. Sie möchte gern mehr Deutsch lernen, daher besucht sie den Deutschkurs.

Enrico ist Schweizer und zufällig auf das Ladenlokal an der Maurenstrasse aufmerksam geworden. Er war zu diesem Zeitpunkt in einer schiwerigen Lebenssituation: Die Scheidung von seiner Frau, eine schlechte Gesundheit und die Angst bedrückte ihn, seine minderjährige Tochter nicht ausreichend versorgen zu können. Als er „per Zufall“ ins „Lädeli für Bedürftige“ eintrat, wie er es formulierte, wusste er an diesem Tag nicht, was er kochen sollte. Enrico wurde mit Lebensmitteln eingedeckt. Er nahm auch eine Beratung von Edith Fehr in Anspruch, was er schätzte. Er empfiehlt, dass für das Projekt mehr Werbung gemacht werden sollte, damit die Bekanntheit dieses für ihn sehr wertvollen Projekts zunehmen kann.

Im Anschluss an die Interviews richtete der Bürgler Gemeindepräsident Herr Erich Baumann Grussworte an die Anwesenden. Er schilderte zudem, dass Jörg Fehr sich bei ihm meldete und sich vorstellte. Herr Baumann wusste bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts von diesem Projekt. Er war erfreut, über dieses Projekt zu erfahren. „Das Angebot der Hilfe zur Selbsthilfe hat mich bei Ihrem Projekt überzeugt“, sagte der Gemeindepräsident. Viele Sozialhilfebezüger würden gern arbeiten, aber die Schwelle zum Wiedereinstig in die Wirtschaft ist hoch. Herr Baumann hofft, dass die Mitarbeit von Menschen aus anderen Kulturen und sozial schwächer gestellte Menschen die (Wieder)-Integration in die Arbeitswelt erleichtern wird. Das Ehrenamt-Büchlein, das Mitarbeitende im Projekt erhalten und das die Arbeit von ihnen im Projekt dokumentiert, sei hierzu ein wesentlicher Beitrag und eine gute Idee des Projektleiters Jörg Fehr, bemerkte Herr Baumann. Er hofft, dass das Projekt „Speise zur rechten Zeit“ und die Beratungsstelle für Soziale Probleme bekannter werden und freut sich, dass diese in Bürglen sind. Herr Baumann schliesst mit den folgenden Worten und einem Dankeschön ans Projektteam: „Es ist der richtige Weg, Probleme anzugehen und zu lösen – die Befriedigung über die eigene Arbeit wird so im Leben eines Menschen Früchte tragen.“

In der darauffolgenden Austauschrunde gibt es die Möglichkeit, Fragen an Edith und Jörg Fehr, an Mike Perekrestenko sowie an Monika Stirnimann zu stellen und Antworten zu erhalten.

Das Projekt „Speise zur rechten Zeit“ braucht weiterhin ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, um Lebensmittel abzuholen, zu sortieren und zu verteilen. Auch für Deutschunterricht für Kinder wird eine geeignete Person gesucht. Der offizielle Teil des Nachmittags wird durch eine Danksagung, eine Schweigeminute für Menschen in Not sowie einem Dankgebet abgerundet. Anschliessend konnten sich alle am vielfältigen und schmackhaften Apéro-Buffet mit Spezialiäten aus dem Nahen Osten bedienen – liebevoll zubereitet vom syrischen Koch Mohammed Ghanim, Kunde des Projekts „Speise zur rechten Zeit“.

Zahlen zum Projekt "Speise zur rechten Zeit" für die Periode vom 1. Januar bis 31. Oktober 2017:

  • Zur Zeit arbeiten 19+ ehrenamtliche Mitarbeiter am Projekt
  • Geleistete Stunden 2'680 im Wert von CHF 80.411.-
  • 80 Personen betreut, davon sind 33 Kinder
  • Lebensmittel im Wert von CHF 77.720.- verteilt
  • Beratungsstelle für soziale Probleme: www.soziale-beratung.ch

Siehe auch: St. Galler Tagblatt:
http://www.tagblatt.ch/ostschweiz/thurgau/weinfelden/helfen-bis-zur-selbststaendigkeit;art123855,5112759

Galerie mit 5 Fotos

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