Aussenbeziehungen & Religionsfreiheit

Geschichte, Zweck & Arbeitsweise

Geschichte der Abteilung

Die Notwendigkeit, Aussenbeziehungen zu unterhalten, ist das Ergebnis der ernüchternden Erfahrungen, welche die Adventisten bei ihrem Engagement gegen die erste Welle der Sonntagsgesetze in den 1880er Jahren in den USA gemacht haben:

  • Man kann sich für die Anliegen der Religionsfreiheit nicht wirksam einsetzen kann, wenn man keine Aussenbeziehungen hat.
  • Die Anliegen einer Kirche, die in einer selbstgewählten Isolation verharrt, können der Öffentlichkeit nicht bekannt sein.
  • Damit hat man auch keine Freunde, die sich für einen einsetzen könnten!

In der Folge wurden sie aktiv:

  • 1889 Gründung der Nichtregierungsorganisation: „National Religious Liberty Association“, NARLA
  • 1893 Umbenennung und Gründung der „International Religious Liberty Association“, IRLA
  • 1901 Gründung der Abteilung für Public Affairs and Religious Liberty (PARL), der Abteilung für Aussenbeziehungen und Religionsfreiheit
  • 1906 Gründung von "LIBERTY", Zeitschrift für Religionsfreiheit (englisch), erscheint zweimonatlich

Aussenbeziehungen und Religionsfreiheit

  • bedingen sich gegenseitig:
    Wer die Religionsfreiheit verteidigen will, muss Aussenbeziehungen und Kontakte aufbauen bzw. pflegen.
    Wenn es brennt, ist es zu spät, die Feuerwehr aufzubauen, auszurüsten und auszubilden.
  • sind die zwei Seiten einer Münze:
    Wer Aussenbeziehungen hat, kann sich wirkungsvoller für Religionsfreiheit einsetzen.
    Man muss die Strasse zuerst bauen, auf der man gehen will.

Aussenbeziehungen umfassen nicht nur Kontakte zu Medienschaffenden, Behörden, Politikern und zivilgesellschaftlichen Organisationen (NGOs), sondern auch zu anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften.

Zweck der Abteilung


Im Jahr 1901 wurde in den USA die Abteilung für Aussenbeziehungen und Religionsfreiheit (Public Affairs and Religious Liberty PARL) gegründet. Die Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten hat bei und nach der Gründung der PARL-Abteilung deren Zweck sowie die Zielsetzungen beschrieben. Diese sind in zwei Dokumenten festgehalten:

  1. Arbeitsrichtlinien der Generalkonferenz (Weltkirchenleitung)
    (General Conference Working Policy, 2014-2015, pages 353-355, (FL 10 Purpose)
    https://www.adventistliberty.org/founding-documents

    Die Abteilung für Aussenbeziehungen und Religionsfreiheit...

    • war ursprünglich eine Kernabteilung der Kirche
    • fördert und erhält Religionsfreiheit, speziell die Gewissensfreiheit von Individuen
    • unterhält Beziehungen zur Regierung, interkonfessionelle Kontakte, nötigenfalls auch Zusammenarbeit mit NGOs, die sich ebenfalls für Religionsfreiheit einsetzen
    • setzt sich für adventistische Einzelpersonen, Abteilungen oder Institutionen der Kirche ein sowie für die Religionsfreiheit aller Menschen

  2. Gemeindeordnung
    (Church Manual, 8th Edition, Hagerstown: Review and Herald, 2010, pages 92-93)
    www.bantamasdachurch.org/Downloads/church_manual_2010.php

    Die Zielsetzungen für die Abteilung für Aussenbeziehungen und Religionsfreiheit auf der Ebene der Ortsgemeinde entsprechen jenen in den Arbeitsrichtlinien (Working Policy), sind aber auf die lokale bzw. regionale Ebene angepasst.

Zwischenkirchliche Beziehungen entsprechen einer jahrzehntelangen Praxis der adventistischen Kirche. In der Schweiz wurden die ersten organisierten zwischenkirchlichen Kontakte 1973 durch die Gastmitgliedschaft der Adventisten in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen im Kanton Basel-Stadt (AGCK.BS) geknüpft.

Arbeitsweise der Abteilung


Seit der Kirchengründung in den USA (1863) hat sich die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten öffentlich für ihre Überzeugungen stark gemacht und ihre Interessen vertreten:

An vorderster Front haben sich Adventisten für das Menschenrecht der Religionsfreiheit eingesetzt:

  • Sie beteiligten sich am Kampf für die Abschaffung der Sklaverei in den USA. Ellen White, eine prägende Persönlichkeit in der Pionierzeit der Adventisten, hat bezüglich der Sklavengesetze gar zu zivilem Ungehorsam aufgerufen.
  • Einige Mitglieder arbeiteten schon früh in der Frauenbewegung mit.
  • Adventisten waren führend beim Aufbau der Gesundheitsbewegung, z. Bsp.: Dr. Harvey Kellogg.
  • Zudem engagierten sich einige "Pioniere" ausdauernd in der Friedensförderung.

Die Abteilung für „Aussenbeziehungen & Religionsfreiheit“ der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in der Schweiz will diese Tradition weiterführen und nach Möglichkeit ausbauen.

In diesem Bemühen halten wir uns an drei allgemeine Grundsätze:

1. Bei Ungerechtigkeit zu schweigen, ist keine neutrale Position, sondern Komplizenschaft


Als Christen sind wir aufgerufen eine Stimme für die Stummen und Fürsprecher jener zu sein, die sich machtlos fühlen. Im alttestamentlichen Buch der Sprüche, Kapitel 31, werden wir aufgefordert, "tu deinen Mund auf" gegen die Ausbeutung der Schwachen und Stummen. Ellen White wiederholte diesen Gedanken, als sie sagte, dass man dem Willen Gottes nicht entspreche, wenn man stumm sitzen bleibe und nichts tue, um die „Gewissensfreiheit zu schützen." Sie erinnerte daran, dass wir unserer Verpflichtung nicht nachkommen, solange wir unseren ganzen Einfluss nicht durch Rat und gutes Beispiel, durch Wort und Schrift ausüben.

Sich für Benachteiligte einzusetzen ist nicht nur bei religiöser Intoleranz und Diskriminierung geboten, sondern auch bei sozialer oder ethischer Benachteiligung oder Ausgrenzung. Wer meint, bei Ungerechtigkeit neutral bleiben zu können, hat sich damit auch positioniert, - auf der Seite der Ungerechtigkeit. Es gibt keine Neutralität bei Intoleranz, Diskriminierung, Rassismus, Chancenungleichheit oder struktureller Benachteiligung.

Die Abteilungsarbeit konzentriert sich vor allem auf die Verteidigung und Förderung der Menschenrechte und hier besonders der Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Die Religionsfreiheit ist in adventistischer Sicht ein zentrales Menschenrecht. Menschenrechte sind universell gültig und betreffen alle Personen, ob sie eine religiöse bzw. weltanschauliche Überzeugung haben oder nicht. Die Abteilung arbeitet auch mit anderen Abteilungen der Freikirche zusammen, um deren Standpunkte in den Bereichen Bildung, Frauenrechte, Frieden, Gesundheit, Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit, Kinderrechte, Umweltschutz, etc. in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und zu fördern.

2. Alle Gesetze sollten moralisch vertretbar sein, aber nicht alle Moral sollte gesetzlich geregelt werden


Als adventistische Christen stützen wir unser Verständnis von Moral und Ethik auf die Bibel. Wir fordern aber nicht, dass für alle biblischen Vorschriften auch staatliche Gesetze erlassen werden sollten.

Wir haben einen dreifachen Ansatz zur Bestimmung, ob ein Gesetz oder dessen Vollzug angemessen ist:

  • Wir lehnen alle Gesetze ab, die darauf abzielen die Beziehung zwischen Gott und den Menschen zu regeln.
  • Wir unterstützen eine gründliche Untersuchung der moralischen Vertretbarkeit aller Gesetze sowie der Art, wie sie vollzogen werden.
  • Wir respektieren, dass es in einer freien Gesellschaft Raum geben muss für „ethisch fragwürdiges“ Verhalten.

a) Adventisten lehnen alle Gesetze ab, die in der Absicht erlassen werden, die Beziehung zwischen Mensch und Gott zu regeln.

Aus adventistischer Sicht ist es nicht Aufgabe des Staates, die Beziehung zwischen Mensch und Gott zu regeln. Daher lehnen wir Blasphemiegesetze ab sowie alle Gesetze, die religiöse Bräuche regeln bzw. Ruhetage vorschreiben. Wir sind auch gegen staatliche Versuche, einen Glauben oder eine Weltanschauung gegenüber anderen zu bevorzugen sowie alle anderen Versuche des Staates, in den Glauben bzw. in die Weltanschauung seiner Bürger einzugreifen. Adventisten setzen sich für die Trennung von Religionsgemeinschaften/Kirche und Staat ein, was aber keine politische Abstinenz bedeutet.

b) Adventisten unterstützen eine sorgfältige Abwägung der moralischen Auswirkungen der Staatstätigkeit, welche die Beziehungen von natürlichen Personen untereinander und mit der Gesellschaft regelt.

Mitunter wird behauptet, dass es unmöglich sei, die Moral gesetzlich zu regeln. Diese vereinfachende Aussage basiert auf einem grundlegenden Missverständnis des Verhältnisses zwischen Recht und Moral. Der Staat kann die Moral nicht nur reglementieren; vielmehr basiert jede Gesetzgebung und jede Entscheidung zu deren Vollzug unweigerlich auf komplexen moralischen Entscheidungen. Alles, von der Steuerpolitik bis zur Sozialhilfe, von der Aussenpolitik bis zum Familienrecht, von zivilrechtlichen Erlassen bis zur Strafverfolgung fusst auf moralischen Bezugspunkten. Selbst wenn ein Entscheidungsträger in seltenen Fällen versuchen würde, ohne moralische Bezugnahme zu handeln, würde er oder sie damit dennoch eine grundlegende moralische Wahl treffen.

Wird anerkannt, dass alles Recht auf moralischen Entscheidungen beruht, drängt sich die Frage auf: auf Wessen Moral? Es gibt viele konkurrierende Theorien und Quellen der Moral, aber keine "neutrale" Moralvorstellung. Das heisst, es ist nicht möglich moralische Entscheidungen zu treffen, ohne die Quelle der Moral zu wählen und diese in Hinsicht auf eine andere Quelle zu bevorzugen.

Bisweilen hört man, dass nur "weltliche" oder säkulare Quellen der Moral legitim seien, um die Gesetze säkularer Staaten zu analysieren. Säkulare Staaten sind aber nicht säkular, weil sie aktiv religiöse Moral ablehnen und eine alternative Moralvorstellung fördern, sondern weil sie sich in religiösen Angelegenheiten neutral verhalten und sich auf den demokratischen Prozess verlassen, um die Moral festzulegen, welche die öffentliche Ordnung bestimmen soll.

Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten macht keinen Hehl daraus, dass sie das Leben und die Lehren von Jesus Christus für die beste moralische Grundlage hält - und dies nicht nur für das Leben des Einzelnen, sondern entsprechend der Vorbehalte in den vorhergehenden und nachfolgenden Abschnitten, auch für die öffentliche Ordnung, welche die Umgangsformen von natürlichen Personen untereinander regelt.

Wir stellen fest, dass der Staat keine Quelle für Moral ist. Es ist weder machbar noch wünschenswert, dass zu viele Aspekte der zwischenmenschlichen Moral gesetzlich durch den Staat geregelt werden.

c) In einer freien Gesellschaft muss es dem Einzelnen möglich sein, „ethisch umstrittene oder gar fragwürdige“ Entscheidungen zu treffen, solange sie niemandem Leid oder ernsthaften Schaden zufügen.

In einer freien Gesellschaft muss es dem Einzelnen erlaubt sein, sowohl gute als auch schlechte ethische Entscheidungen zu treffen (z. B. Casino-Spiel, exzessiver Alkoholkonsum), wie auch Jesus seinen Zeitgenossen die Freiheit gab, ihn und seine Lehre anzunehmen oder abzulehnen.

Da jedoch die meisten „ethisch fragwürdigen“ Handlungen jemandem in irgendeiner Hinsicht Schaden zufügen können, ist es schwierig, eine exakte Grenze zu ziehen, wann die Gesellschaft einschreiten sollte, um die Betroffenen zu schützen und wann sie untätig bleiben soll. Es ist jedoch immer besser im Einzelfall eine genaue Analyse der Situation und der Erheblichkeit des zugefügten Schadens durchzuführen, um eine Ermessensentscheidung in einem komplexen Fall zu treffen, als unsere Verantwortung gänzlich abzulehnen.

Während Jesus dem Einzelnen die Freiheit gibt, ethisch fragwürdige Entscheidungen zu treffen, rügt er andererseits jene, die tatenlos zusehen und nichts für die Opfer unternehmen, die unter den Folgen schlechter Entscheidungen anderer oder ungerechten Verhältnissen leiden (siehe Matthäusevangelium, 25). Für diese Betroffenen will sich die Abteilung für „Aussenbeziehungen & Religionsfreiheit“ einsetzen.

3. Dass wir etwas sagen können, heisst noch lange nicht, dass wir etwas zu sagen haben


Zwischen diesem dritten Prinzip, das unsere Arbeit bestimmt und dem ersten, dass wir angesichts von Ungerechtigkeit nicht schweigen wollen, besteht ein Spannungsverhältnis. Obwohl die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten sich für viele Themen interessiert und einsetzt, kann sich die Abteilung für „Aussenbeziehungen & Religionsfreiheit“ nur auf einige wenige Themen konzentrieren, um einen sinnvollen Beitrag leisten zu können.

Mitentscheidend für die Themenauswahl ist unter anderem:

  • vorhandenes Fachwissen (Fachkompetenz)
  • Einstimmigkeit oder Ausmass der Zustimmung der Kirchenmitglieder zu einem bestimmten Thema
  • Finanzielle Mittel, die für ein Thema investiert werden können
  • Anzahl anderer Organisationen, die sich bereits für ein Thema mit viel Knowhow engagieren z. Bsp.: Umweltschutz oder Tierschutz
  • Wahl der Interventionsstrategie zur Zielerreichung: öffentliche Stellungnahme oder individuelle Kontakte – stets ohne Gewalt 

Wer den Anspruch von Kompetenz erhebt und sich zu Themen äussert, von denen er nur eine oberflächliche Ahnung hat, kann keinen gehaltvollen Beitrag leisten. Ellen White, Mitbegründerin der adventistischen Kirche, hat in der Pionierzeit einige adventistische Kirchenleiter kritisiert, weil sie sich zu verschiedenen Aspekten der öffentlichen Finanzpolitik geäussert haben, - die einen beträchtlichn Einfluss auf die Entstehung von Armut hatten -, obwohl sie keine Fachleute waren.

Heute stellen wir mit aller Bescheidenheit fest, dass unserer Kirche in Fragen der Gesundheit, Krankheitsprävention, Bildung und Religionsfreiheit ein breites Fachwissen zur Verfügung steht.

Daneben gibt es aber viele Themen in Politik und Zivilgesellschaft, in denen wir weniger oder nicht mehr Kompetenz haben als andere Organisationen.

Zusammenfassung


Gemeinsam mit unseren Kirchenmitgliedern sowie anderen Abteilungen der Freikirche verfolgt die Abteilung für Aussenbeziehungen & Religionsfreiheit das Ziel, unsere Gesellschaft im Sinne der Haltung und des Engagements von Jesus Christus zu beeinflussen.

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Stellungnahmen der adventistischen Weltkirchenleitung zu Aussenbeziehugen und Religionsfreiheit


Texte auf Deutsch unter

Zwischenkirchliches  oder

Dokumente & Stellungnahmen


Im Suchfeld Begriffe eingeben, wie: "Ökumene", "Dialog", "Toleranz", "Katholiken", "Minderheiten", "Proselytismus" etc.

Stellungnahmen der Weltkirchenleitung zu zwischenkirchlichen Beziehungen


Stellungnahmen der adventistischen Weltkirchenleitung zu Themen bezüglich Aussenbeziehungen und zwischenkirchlichen Beziehungen (auf Englisch).

Church Statements

 

Artikel des Biblischen Forschungs-Instituts (BRI) zur Ökumene


Englische Artikel zur Ökumene vom Biblischen Forschungs-Instituts (Biblical Research Institut BRI) der adventistischen Weltkirchenleitung: BRI-Webseite

  • Seventh-day Adventists and the Ecumenical Movement
    Exposition on the Adventist position with respect to Ecumenical movements. Author: Bert B. Beach PDF
  • Ecumenism and the Adventist Church
    An historical overview of ecumenism followed by some reflections on how should SDAs be involved in inter-church relations. It stresses the fact that although Seventh-day Adventist Church have refused to become a member of the World Council of Churches, Adventists are not opposed to Jesus’ prayer for unity. As referred to by Jesus, unity must be based on the truth. Author: John Graz PDF
  • Adventists and Ecumenical Conversation
    A study of the nature of ecumenism, the distinction between ecumenical dialogues and conversations with other Christians, and the potential risks and benefits present in conversations with other Christians. Author: Ángel Manuel Rodríguez PDF
  • Is the General Conference Involved in Ecumenism? Author: John Graz PDF