Andachten

Andacht

Andacht 12.07.2017

12. Juli 2017 | Wilfried Krause

Andacht 12.07.2017

© Foto: adventisten.de

Jesus setzte sich in die Nähe des Opferkastens im Tempel und beobachtete, wie die Menschen Geld hineinwarfen. Markus 12,41 (Neues Leben Bibel)

Zur Mittagszeit schob ich mein Fahrrad durch eine belebte Geschäftsstraße von Münster. Dabei fiel mein Blick auf einen jungen Mann, der sitzend an einer Hauswand lehnte. Sein Rucksack stand neben ihm; auf einem Schild vor ihm las ich: „Du bist wertvoll.“ Das weckte mein Interesse an dem Aussteiger. Ich steuerte auf ihn zu, begrüßte ihn und sagte: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ Spontan kam ein freund­liches: „Natürlich!“ „Was hat Sie bewogen, so zu leben, wie Sie jetzt leben?“ Seine Antwort überraschte mich: „Ich möchte einfach Zeit haben, Menschen zu beob­achten.“ Er erzählte mir dann von seinen nachdenk­lich stimmenden Erlebnissen und Eindrücken.

Von Jesus erfahren wir, dass er sich ebenfalls die Zeit nahm, Menschen bei ihrem Tun zu beobachten. Im obigen Beispiel fiel ihm besonders eine arme Witwe auf, die ihr gesamtes Barvermögen opferte. Matthäus berichtete: „Als er das Volk sah, jammerte es ihn.“ (Kap. 9,36) Diese intensive Gefühlsregung war nur möglich, weil Jesus seine Zeitgenossen sehend begleitete.

Heutzutage werden unsere Augen wesentlich mehr beansprucht, konzentriert hinzuschauen, als es zur damaligen Zeit der Fall war. Das Fernsehen hat die Sehgewohnheiten verändert. Was auf dem Bildschirm ablief, zog mehr in den Bann, als ein spielendes Kind zu beobachten oder in das Gesicht eines lieben Menschen zu schauen. Dieser Trend setzte sich fort und erfuhr eine Steigerung, als das Internet unsere Wohnungen eroberte. Doch den gegenwärtigen Höhe­punkt in Bezug auf die Sehkonzentration bildet das Smartphone. Eine Bildfläche von etwa fünf mal elf Zentimeter erfordert volle Hinwendung. Das geschieht liegend, sitzend, stehend und gehend. Der „Sehende“ ist dabei nicht mehr in der Lage, die Menschen um sich herum wahrzunehmen, und wenn, dann als Stör­faktor.

Der junge Mann in Münster besaß etwas, das vie­len unter uns verloren gegangen ist: In den Gesichtern von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu lesen und sie in ihrer Vielfalt wahrzunehmen. Manchmal reagieren wir überrascht, wenn im Freundeskreis jemand eine unerwartete Entscheidung trifft und wir nichts geahnt haben. Vielleicht haben wir es aber auch versäumt, genau zu beobachten, um Veränderungen mitzubekommen.

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