Andachten

Andacht

Andacht 02.07.2017

02. Juli 2017 | ElÍ Diez-Prida

Andacht 02.07.2017

© Foto: adventisten.de

Leidet ein Teil des Körpers, so leiden alle anderen mit, und wird ein Teil geehrt, freuen sich auch alle anderen. Ihr alle seid der eine Leib Christi, und jeder Einzelne von euch gehört als ein Teil dazu. 1. Korinther 12,26-27 (Hoffnung für alle)

Noch lebte ich nicht lange in Deutschland, als mir eine Besonderheit im üblichen Begrüßungsritual auffiel: Auf die Frage „Wie geht es dir?“ antwortete kaum jemand mit „Sehr gut“, „Gut“ oder „Schlecht“. Die meisten sagten einfach: „Danke! Und dir?“ Wenn der Gesprächspartner ebenfalls „Danke!“ erwiderte, war das Begrüßungsritual abgeschlossen und man wech­selte zum nächsten Thema.

Das werde ich auf keinen Fall übernehmen!, dachte ich mir - und bin ziemlich konsequent dabei geblie­ben. Auf der Suche nach einem Trick, mit dem man den Gesprächspartner zu einer offeneren Antwort er­mutigen könnte, kam ich auf die Formulierung: „Wie geht es deiner Seele?“ Die Reaktionen darauf waren meistens sehr positiv und ermöglichten häufig tiefer ­gehende Gespräche.

Wir Menschen neigen dazu, anderen ein gutes, glückliches Bild von uns zu vermitteln, und scheuen uns, unangenehme, belastende Zustände oder Emp­findungen preiszugeben. Vielleicht weil es genügend Leid auf der Welt gibt? Oder um den Nächsten zu schonen? Oder weil wir uns im Blick auf die sorgen­freien (oder zumindest so wirkenden) Gesichter in der Werbung und im Internet (soziale Medien) nicht trau­en, das harmonische Bild zu zerstören?

Jeder Mensch braucht einen Ort, an dem er seine Gefühle nicht unter Verschluss halten muss. Wohl denen, die in ihrer Ehe, Familie oder in ihren freund­schaftlichen Beziehungen diese Möglichkeit haben! Glücklich können sich auch jene schätzen, die sich in ihrer Kirchengemeinde authentisch geben und äußern dürfen.

Aus meiner Sicht ist die „ideale“ Gemeinde nicht der Ort, an dem jeder immer von himmlischen Gefüh­len des Glücklichseins erfüllt ist, sondern vielmehr der Ort, an dem sich keiner zu verstellen braucht. Der Ort, an dem sich die anderen freuen, wenn es dir sehr gut geht (und du das auch so formulierst), weil dir jeder Freude und Erfolg gönnt. Aber auch der Ort, wo jemand mit dir weint, den Arm um deine Schulter legt und mit dir betet, wenn du in einer tiefen Krise steckst (und das auch nicht verschweigst).

Über solche Kirchengemeinden freut sich der ganze Himmel!

Zurück